Petra Weber, 43, lehrt Pflegewissenschaft an der Fachhochschule in Hamburg, Jürgen Osterbrink, 37, leitet das Schulzentrum für Krankenpflegeberufe in Nürnberg. Beide haben es weit gebracht, obwohl sie einmal klein angefangen haben: sie als Krankenschwester, er als Pfleger. Noch etwas ist ihnen gemeinsam: Sie haben ihr Fach studiert, Weber in Hannover, Osterbrink an der Universität Glasgow in Schottland. Heute kämpfen sie gemeinsam für das, was in anderen Ländern selbstverständlich ist: die Anerkennung des Pflegeberufs als gleichwertig mit dem des Mediziners.

"In der Gesellschaft gelten wir immer noch als Dienstboten, die dem Arzt zur Hand gehen: sanft, aufopferungsvoll, ohne eigenen Kopf", sagt Petra Weber. Das wird sich ändern. Knapp fünfzig Pflegestudiengänge wurden in den vergangenen sechs Jahren in Deutschland gegründet; Zeichen eines neuen Berufsbewußtseins - und veränderter Anforderungen. Mehr Menschen werden chronisch krank oder pflegebedürftig, die Familien aber sind mit der Betreuung Schwerkranker fast immer überfordert. Außerdem gliedert die Gesundheitspolitik viele Pflegeleistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich aus.

Nicht jeder sieht in der wachsenden Verantwortung in der Pflege eine positive Herausforderung. Viele Ärzte lassen sich nur widerwillig von selbstbewußteren Pflegern in die Behandlung hineinreden. Krankengymnasten, Ernährungsberater oder Verwaltungsangestellte in den Kliniken fürchten um ihre Arbeitsbereiche, die von Krankenschwestern und Pflegern usurpiert werden könnten. In seiner Pflegeschule hat Jürgen Osterbrink schon das eingeführt, was dem Medizinstudium immer noch fehlt: fächerübergreifendes Lernen.

Anstatt wie früher üblich den zersplitterten Fächerkanon zu pauken, lernen die Schüler in Osterbrinks Krankenpflegeschule nach sogenannten integrierten Unterrichtseinheiten. Die sind danach aufgebaut, was auf die zukünftigen Pfleger praktisch einmal zukommt. Themen wie Bewegung, Schmerz, Ernährung, Rehabilitation oder Sterben gliedern das Curriculum. Die traditionellen medizinischen Fächer - wie Anatomie, Biochemie oder Krankheitslehre - sind diesen Themen jeweils zugeordnet.

Zum Beispiel lernen die Schüler nicht nur, wie Schmerz aus Sicht der Naturwissenschaften entsteht und wie Medikamente wirken, sondern auch, welche psychologische Wirkung er auf die Patienten hat und wie der Kranke gelagert oder entspannt werden kann, um den Schmerz zu lindern.

Ob Pflegeausbildung oder Studiengang, die neuen Konzepte sind vorbildlich. Letztlich holen sie nur nach, was in anderen Ländern längst selbstverständlich ist: In den USA studieren Pflegekräfte schon seit den fünfziger Jahren. In Europa wurde 1966 der erste Pflegestudiengang in Edinburgh gegründet. Andere Länder folgten. In Deutschland begann diese Entwicklung dagegen zaghaft in den siebziger Jahren und schritt erst in den vergangenen Jahren wieder kräftiger voran.

Nur in Deutschland heißt die Pflegefachfrau "Schwester" - ein Anklang an die klerikale Herkunft des Berufs; denn hierzulande bildeten die christlichen Orden unverheiratete Frauen aus und predigten ihnen Aufopferung und Demut - auch in finanzieller Hinsicht, denn ihre Dienste wurden und werden schlecht entlohnt. Doch damit soll jetzt Schluß sein. Mit gestiegenen Ansprüchen und Anforderungen an die Pflege beginnt ein neues Zeitalter: die Pflege als professionelle Dienstleistung.