Fußballspiele sind nach dem Abpfiff noch lange nicht vorbei. Oft schlägt erst dann die Stunde der Experten. Sie diskutieren und analysieren leidenschaftlich und penibel die Hergänge. War der Elfmeter gerechtfertigt? War der Ball im Aus, das Tor gültig? Immer weiter ufert die Vor- und Nachberichterstattung im Fernsehen aus, gespickt mit Zahlen und Daten über Spiele, Tore, Standardsituationen.

Der neueste Schrei: die Aufbereitung der Spielszenen per Computer. 36 Fernsehsender aus aller Kicker Länder erproben die neue Technik der israelischen Firma Orad Hi Tec Systems bei den WM-Übertragungen, darunter auch ARD und ZDF. Das Programm Virtual Replay wandelt die Videobilder der Übertragungskameras binnen Minuten in dreidimensionale Computersimulationen um und bietet dann den Kommentatoren die Möglichkeit, sich virtuell an jeden Punkt des Spielfeldes zu begeben. Sogar das berüchtigte Wembley-Tor von 1966 soll das Programm schon analysiert haben - angeblich war der Ball drin.

Doch Orad hat noch mehr im Programm: Ein virtuelles Werbetafelprogramm namens Imadgine wird bereits durch das weltgrößte Sportvermarktungsunternehmen ISL vertrieben, das über die internationalen Übertragungsrechte an dieser und den nächsten beiden Fußballweltmeisterschaften verfügt. Die Software macht es möglich, die Inhalte der Werbetafeln im übertragenen Fernsehbild elektronisch zu ersetzen - so bekommt jedes Land seine eigene Reklame. Orad wirbt damit, jeden Ort auf dem Spielfeld, auch den Rasen, in eine Werbefläche verwandeln zu können, auf der sogar animierte, dreidimensionale Figuren die Konsumbotschaft an den Zuschauer bringen können.

Noch nicht öffentlich zu bestaunen ist eine Orad-Neuentwicklung mit dem Namen SportsTrack. Spätestens zur Europameisterschaft 2000 soll das Programm Live-Übertragungen von Fußballspielen via Internet ermöglichen. Diese Software analysiert nicht den Inhalt von Videobildern. Vielmehr werden mittels Minisendern, die im Ball und an jedem Spieler befestigt sind, ausschließlich essentielle Spieldaten an Empfänger am Spielfeldrand gesendet und von dort aus ins Netz eingespeist. Der Computer des Surfers wandelt dann die Positionsdaten augenblicklich in virtuelle Bilder um. Später soll das Verfahren sogar die Gesten der Spieler übermitteln können. Der Betrachter kann auf seinem PC jede denkbare Kameraposition auf dem Platz oder über dem Stadion rekonstruieren; sogar das virtuelle Herumspazieren im laufenden Spiel läßt sich simulieren.

Der Vorteil einer solchen Übertragungstechnik liegt auf der Hand: Die zu übertragende Datenmenge ist wesentlich geringer als bei kompletten Videobildern. So umgeht Orad die Engpässe bei den heutigen Übertragungsraten im Internet - der heimische Computer erzeugt das tatsächliche Bild und bringt ihm das Laufen bei. Noch lassen die Leistungsfähigkeit der PCs und die 3-D-Fähigkeiten der Internet-Browser zu wünschen übrig. Die Entwickler setzen jedoch auf die gesetzmäßige Explosion der Rechenleistung. Im Testbetrieb, so Rubinstein, ist die Technik heute schon einsatzbereit.

Einen größeren Konflikt mit den Übertragungsrechten der Fernsehanstalten erwartet man bei Orad nicht. Noch sieht Rubinstein die Funktion seiner virtuellen Programme in einer Symbiose mit dem Fernsehen. Letztlich treibt die Technik jedoch nicht nur die Konvergenz von Computer und TV-Apparat voran, sondern auch die Vermengung von virtuellem mit realem Leben. Denn auch wenn die simulierten Bilder immer detailgetreuer werden, sind sie doch letztlich kein Abbild des tatsächlichen Geschehens. Das kann der Fan eines Tages womöglich nur noch live im Stadion erleben.