Es war eine Reise in die Zukunft. "Meine Güte, Zeuge einer solchen Entwicklung zu sein!" seufzte Amerikas Außenministerin Madeleine Albright, vom Hauch der Geschichte sanft angeweht, als sie auf die gemeinsame Pressekonferenz der Präsidenten Clinton und Jiang Zemin in Peking zurückblickte. Bill Clinton hatte - live vom chinesischen Fernsehen übertragen - Rede- und Religionsfreiheit eingefordert, den Militäreinsatz auf dem Tiananmen-Platz 1989 "falsch" genannt und seinem Gastgeber vorgeschlagen, er solle sich doch einmal mit dem Dalai Lama zusammensetzen.

Süßer Augenblick der Freiheit in Peking! Spätestens von da an nannte Clintons Gefolge den neun Tage währenden Besuch im Reich der Mitte historisch. Andere sprachen von einer Seifenoper. Dabei kann, wenn ein Verhältnis so vertrackt ist wie das amerikanisch-chinesische, eine gute Atmosphäre schon die halbe Substanz sein. Oder mehr. Ganz nebenbei erteilte Bill Clinton den westlichen Regierungskollegen eine Lektion in demokratischem Selbstbewußtsein: Niemand ist, um der Geschäfte willen, zum Kotau gezwungen. Gastgeber Jiang Zemin faßte den Schlagabtausch vor den Kameras gut gelaunt zusammen: "Das ist Demokratie."

Bei den Japanern nistet der Zweifel an der Treue Amerikas

Die Führer der zweitgrößten Industrienation könnten den Treueschwur gelassen entgegennehmen, aber in ihrer Brust nistet der Zweifel. Peking versuche einen Keil zwischen die pazifischen Alliierten zu treiben, argwöhnen sie, und Amerika, in einer neuen Aufwallung von China-Euphorie, gefährde das Gleichgewicht der Kräfte in Fernost.

Nicht nur nach Tokio, auch nach Taipei entsandte Clinton flugs einen Emissär. Dort war die Aufregung groß, hatte der Präsident doch - ausgerechnet auf dem chinesischen Festland - der neuen amerikanischen Taiwan-Doktrin der "drei Neins" sein offizielles Siegel aufgedrückt. "Wir unterstützen nicht die Unabhängigkeit Taiwans. Wir unterstützen nicht zwei China; oder ein Taiwan, ein China. Und wir glauben nicht, daß Taiwan Mitglied in einer Organisation sein sollte, für die Eigenstaatlichkeit verlangt wird."

Frohlocken bei den Gastgebern, Bestürzung auf Taiwan. Denn trotz der seit Nixon verfolgten "Ein-China-Politik" hat noch keine amerikanische Regierung den Taiwanern so krude jedes Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen. Dabei ist sich das demokratische, prosperierende Inselchina seiner Verwundbarkeit wohlbewußt und wird sich in keine außenpolitischen Abenteuer stürzen. Um so ungerechter findet es die schneidende Zurechtweisung durch die bisherige Schutzmacht.

Bill Clinton hat die Volksrepublik China entschlossen ins Zentrum seiner Asienpolitik gerückt. Damit muß sich auch Indien abfinden, das sich von Washington seit langem mißachtet fühlt. Nach der gemeinsamen chinesisch-amerikanischen Schelte für ihre Atomversuche wettern die Inder jetzt gegen eine "Achse Peking-Washington".