Reisen bildet. Also wird Gerhard Schröder am Dienstag nächster Woche nach Europa fliegen. Immerhin zwölf Stunden lang wird er das Parlament in Straßburg besuchen. "Zu uns nach Brüssel traut er sich wohl nicht", lästert ein Parteifreund in der EU-Kommission, der "fast täglich" die Sorgen befreundeter Diplomaten und Beamter zerstreuen muß: "Viele fürchten, wir Deutschen würden uns ohne Kohl von Europa abwenden." Das sei "Quatsch, natürlich - aber ich kann's verstehen". Schließlich wird Kohls Erbe ausgerechnet von jenem Kandidaten aus der Provinz beansprucht, der sich bei EU-Nachbarn bislang nur als Euro-Skeptiker und Vater der willentlich verunglückten Wortschöpfung von der "kränkelnden Frühgeburt" profiliert hat. "Vielleicht", so sagt der Genosse im Brüsseler Exil, "hört die Fragerei der Kollegen ja nach Schröders Vorstellungstermin in Straßburg endlich auf." Sicher ist er sich nicht.

Der Mann kann hoffen. Denn Schröder lernt. Er erlebt Europa im Schnellkurs: bei Stippvisiten nach Paris, Warschau oder Rom, in Gesprächen mit Lafontaine, Scharping und anderen Parteifreunden, von denen mancher schon seit Jahrzehnten an Europa mitbaut. Erst drei Monate ist es her, seit der SPD-Kandidat, frivol und augenzwinkernd, mit "dem Frühchen Euro" jonglierte. Nun präsentiert er sich, ernst und getragen, ganz als Europäer - mit 54 Jahren ein Spätgeborener.

Schröder, der Wendehals? Der Verdacht, da sei einer für seine Traumrolle als Kanzler eilends in die europäische Verkleidung geschlüpft, liegt bei dem Mann aus Hannover nicht fern. Ein europhiler Berater von Schröder räumt ein, der Kandidat habe "es noch nicht vom Saulus zum Paulus der EU" geschafft. Immerhin, Schröder lerne "zwar nicht lustvoll - aber ernsthaft und schnell".

Die beste Erklärung für diesen Konversionsprozeß weiß wohl Klaus Hänsch. Der Sozialdemokrat und ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, der sich früher mit Schröder über Euro und Europa auch öffentlich angelegt hat, unterstellt ihm jetzt eine schlichte Einsicht: "Man kann gegen Europa vielleicht eine Wahl gewinnen - aber man kann Deutschland nicht gegen Europa regieren." Bisher, das geben selbst Vertraute zu, hat Schröder "Brüssel nur von Fall zu Fall und meist nur als Störenfried" erlebt: Für die Rettung der Flugzeugwerft in Lemwerder mußte er sich nach den Wettbewerbsgesetzen im EU-Binnenmarkt erst die Genehmigung erstreiten; als vor Jahren daheim Schweinepest und Bauernzorn tobten, war eben Brüssel schuld am Massenschlachten. Die EU blieb ihm fern, und so strategisch wie sein bayerischer Kollege Edmund Stoiber mochte sich Niedersachsens Ministerpräsident Europa nie als Spielfeld (oder Spielball) erobern.

Jetzt jedoch naht für ihn die Macht im größten EU-Land. Schon am Euro-Gipfel in Wien im Oktober will er teilnehmen. Also sitzt er nach, erarbeitet Europas Regeln und Entwürfe, Chancen und Zwänge. "Europa erzieht sich seine Politiker von allein", sagt Klaus Hänsch lächelnd. Die Integration zeugt ihre Kinder.

Gerhard Schröder malt sich allmählich ein neues Bild von Europa, stets mit taktischem Seitenblick auf Helmut Kohl. Der Kandidat sucht den Kontrast zum Amtsinhaber. Eine eigene Vision? Schröder wehrt ab, fast freudig: Ach nein, dringender als Visionen brauche man heute "die Technokraten". Und "die Pragmatiker, das sind die eigentlichen Visionäre der nächsten Zeit". Das ist Schröders Reflex auf Kohls ewig variierten Satz, in Europa seien "die Visionäre die wahren Realisten der Geschichte". Eine Antwort auf die Frage ist es nicht.

Treu verheißt Schröder "Kontinuität in der deutschen Europapolitik". Frieden, Freiheit, Partnerschaft - "selbstverständlich!" Lieber aber zelebriert er jene Unterschiede zu Kohl, die sich einpassen in die heimische Wahlkampfstrategie. Etwa seine Idee vom Bündnis für Arbeit und die Reformen für mehr Jobs, "da sind uns andere Länder schon voraus". Welche? "Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Dänemark." Das klärt wenig. Blair und Jospin, Kok und Rasmussen sind zwar allesamt Sozialdemokraten, aber auf verschiedenen Wegen.