Wenn die versteckte Kamera Prominente oder auch Leute von der Straße dabei erwischt, wie sie die Fassung verlieren, platzt die Künstlichkeit vom Unternehmen Fernsehen ab, und wir sehen einfach nur Menschen, die zappeln und schreien, ganz ohne Kontrolle. Wieviel toller aber noch sind solche Augenblicke, wenn eine sichtbar und surrend in Funktion befindliche Kamera sie einfängt! Die versteckte ist immer ein bißchen fies, ja fast anrüchig und eindeutig unfair, die offene Kamera aber, vor der gleichwohl der Mensch sich vergißt, weil, was ihn um die Beherrschung brachte, stärker war als der telegene Selbstzwang - erst sie liefert Dokumente von moralisch einwandfreier Allzumenschlichkeit.

Angeblich arbeitet für den Sender Premiere ein Trupp Hiwis, der den ganzen Tag nichts tut als fernsehen, zappen und mitschneiden, und seine Ausbeute besteht in solchen Fernsehsekunden, die Moderatoren, Anchormen, Korrespondenten und Ansagerinnen aus der Bahn schleudern, weil nichts so klappt, wie es soll. Manchmal weiß der entgleisende TV-Mann nicht, daß er auf Sendung ist, dann kommt der Menschlichkeitsmoment auf dieselbe Art zustande wie bei der versteckten Kamera. Meist aber ist den verzweifelnden Sprechern, Showstars, Entertainern sehr wohl bewußt, daß sie ein Publikum haben, wenn sie ausrasten: "Ich seh' nur schwarz hier!" - "Verstehen Sie mich?" - "Sag jetzt was!" - "Scheiße!"

Komisch ist das nicht immer, aber vielsagend. Selbst die Lachkrämpfe, in die so manche biedere Kommentatorin aus dem Reiche der Mittagsmagazine und Länderspiegel urplötzlich ausbricht, sind nicht eigentlich ansteckend. Aber sie reißen eine Maske nicht nur vom Gesicht der prustenden TV-Frau, sondern vom ganzen Medium. Plötzlich schwinden die Weihen der Wichtigkeit, und was bleibt, sind überforderte Menschlein, die, im Clinch mit der Tücke des Objekts, ihren Job riskieren.