Den Streit um die Jugendkriminalität führen Ideologen. Die einen schwören auf Gitterstäbe. Sie belächeln die Pädagogen und vertrauen den Gefängnisaufsehern. Die anderen empören sich, wenn kriminell gewordene Kinder bestraft werden, das sei Law-and-order-Politik. Das beste Mittel gegen Jugenddelinquenz sei das Älterwerden.

Eine fruchtlose Debatte, diese Ideologen streiten fernab der Wirklichkeit. Die ungute Polarisierung erleben wir jetzt wieder. In Hamburg haben vergangene Woche zwei Sechzehnjährige einen Lebensmittelhändler erstochen und 220 Mark gestohlen. Die Tat, kaltblütig begangen, hat die Republik aufgewühlt. Die Verstörung wuchs noch, als das Polizeiregister der beiden Teenager bekannt wurde. Der eine hat seinen ersten Raub mit dreizehn Jahren begangen. Ihm werden inzwischen 33 Delikte zugeschrieben, seinem Komplizen 35: Erpressung, Körperverletzung, Autodiebstahl. Keiner der beiden ist je verurteilt worden. Mal gaben die Behörden die Verfolgung "wegen Geringfügigkeit" auf, mal ordnete ein Jugendrichter "erzieherische Maßnahmen" an.

Das Problem ist zu ernst, als daß man es auf diese Weise erörtern dürfte, an den Fachleuten und an vielen Bürgern vorbei. Die Kriminologen sind sich einig, die Krimi-Liebhaber wissen es aus dem Pantoffelkino: Der Knast ist die beste Bildungsstätte für Nachwuchsganoven, dort schmieden sie Pläne und Allianzen. Die beiden Jungen, die den Lebensmittelhändler erstachen, lernten sich in der Untersuchungshaft kennen.

Gerade deshalb haben wir ein Jugendstrafrecht, das die Freiheitsstrafe nur als allerletztes Mittel vorsieht - um zu verhindern, daß junge Menschen vollends ins kriminelle Milieu abrutschen. Erziehung soll Strafe ersetzen; das Gesetz bürdet Pädagogen und Sozialarbeitern eine gewaltige Last auf - sie sind dafür verantwortlich, straffällige Teenager zu retten.

Dieses System ist an und für sich vernünftig, doch hat es einen Haken. Es gibt Jugendliche, die mit Sozialarbeit allein nicht zu retten sind. Wiederholungstäter, die nur darüber lachen, daß ihnen wieder und wieder eine Chance eingeräumt wird. Mit Verachtung begegnen sie Pädagogen, die Regelübertretungen nicht ahnden dürfen. Diese schwierigen Menschen brauchen intensive Betreuung. Ihre Betreuer müssen ohne Sanktionsmöglichkeiten scheitern. Nötig sind geschlossene Heime. Oder geschlossene Abteilungen innerhalb offener Heime. Arrest auf Zeit, nicht Endstation einer traurigen Jugend. Das ist ehrlicher als die Politik des Hamburger Senats, der geschlossene Anstalten empört ablehnt, aber seine schlimmsten Delinquenten in geschlossene Heime anderer Bundesländer verschickt.

Die Häuser, die wir brauchen, ähneln nicht den Verwahranstalten, die vor zwanzig Jahren zu Recht geschlossen wurden. Die Alternative heißt nicht: Wärter oder Pädagogen. Sie lautet: Wärter und Pädagogen.

Bedeutet das den Abschied von der liberalen Jugendhilfe-Politik? Moderne Heime entsprächen durchaus nicht dem Wunschtraum der Gitterstab-Politiker, die von teurer Betreuung nichts wissen wollen. Und im Kampf gegen die Jugendkriminalität wären diese Heime gewiß nicht die "große Lösung", die populistische Wahlkämpfer verheißen: Es gibt nicht viele Extremtäter. In Köln zum Beispiel wären nicht mehr als zwanzig Kids zeitweise in "individuell geschlossene Heime" einzuweisen, schätzt der dortige Polizeipräsident.