Aufgeklärte Genießer wußten es längst, nun ist es wissenschaftlich abgesegnet: Nicht nur Passivrauchen, auch Alkohol ist krebserregend. Das erklärt die Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe.

Müssen Alkoholfabrikanten nun Schadenersatzklagen befürchten wie die US-Tabakindustrie, weil beide Genußmittel sucht- und krebserzeugend sind? Steht bald auf jeder Bier-, Wein- und Schnapsflasche "Die EU-Gesundheitsminister: Süffeln gefährdet die Gesundheit"?

Richtig. Doch nicht nur dieser, auch der Gesundheitsminister sollte die Vorschläge ernst nehmen. Denn die krebserregende Wirkung von Alkohol ist kaum abhängig davon, ob er beruflich via Nase oder genießerisch via Gurgel in den Körper gelangt. Alkohol wird dort zu Acetaldehyd abgebaut, und dieser0 greift das Erbgut an. Zudem kann Alkohol Mißbildungen bei Babys verursachen. Da er obendrein süchtig macht, gehört er in die Klasse der harten Drogen.

Die DFG-Kommission eröffnete ihm jedoch ein interessantes Schlupfloch : Sie hat zwei neue Kategorien krebserregender Stoffe geschaffen, "deren Wirkstärke als so gering erachtet wird, daß unter Einhaltung eines speziellen MAK-Wertes kein nennenswerter Beitrag zum Krebsrisiko" zu erwarten ist. Galt bisher der extrem vorsichtige Grundsatz, kanzerogene Stoffe seien stets zu meiden, weil schon ein einziges Giftmolekül Krebs erzeugen könne, so gilt dies für die neuen Kategorien nicht mehr. Die Toxikologen argumentieren, Alkohol komme ohnehin im Stoffwechsel vor, und "das hieraus resultierende kanzerogene Risiko ist als unvermeidbar anzusehen". Also stellt eine begrenzte Alkoholmenge, die jene natürliche "innere Belastung nicht nennenswert erhöht, auch keine nennenswerte Erhöhung des kanzerogenen Risikos dar".

Dieser Paradigmenwechsel in der Beurteilung kanzerogener Stoffe war überfällig. Dennoch wird er Streit auslösen. Denn in die neuen Kategorien fallen auch viele umstrittene Stoffe wie Formaldehyd, Styrol, Lindan oder Hexachlorbenzol. So beflügeln Selbstversuche mit harten Drogen die Wissenschaft. Na denn, prost!