Christian L. und Patrick E. hatten sich am Mittag des 29. Juni vorschriftsmäßig bei ihren Betreuern abgemeldet. Sie wollten "Zigaretten holen". In dieser Zigarettenpause töteten sie den Hamburger Lebensmittelhändler Willi Dabelstein. Patrick E. stieß dem 73jährigen Mann ein Messer dreimal in die Brust und einmal in den Kopf. Christian L. leerte die Kasse des Feinkostladens. Ihre Beute betrug 220 Mark. Die beiden Täter sind 16 Jahre.

Mit dem Geld aus dem Überfall habe Christian seine schwangere Freundin vom Straßenstrich holen wollen, heißt es in den Zeitungen. Wenn Dabelstein sich wehre, "machen wir ihn klar", soll Christian gesagt haben. Als alles vorbei war, sei Christian mit seiner Freundin ins Kino gegangen, "Romeo und Julia" schauen.

Wie konnten Hamburger Richter zwei Sechzehnjährige einfach freilassen, deren Polizeiregister Seiten füllt? Ist die Justiz der Hansestadt, wie Henning Voscherau seinerzeit als Bürgermeister befand, zu lasch, zu lau, zu langsam?

Binnen Tagen ist nicht nur in Hamburg ein hitziger Streit darüber entbrannt, wie mit jungen Serientätern umzugehen sei. Sie sind eine winzige Minderheit unter jungen Straftätern, aber jede deutsche Großstadt kennt eines dieser Kinder. In Berlin beschäftigt die Behörden der Fall des strafunmündigen Bosniers Jasmin, 13, der binnen zweier Jahre hundertmal bei Straftaten erwischt wurde. In Köln weiß niemand, wie Heitem, 13, noch zu bremsen ist, nachdem er sechzigmal wegen Raub, Körperverletzung und Diebstahl aufgefallen ist. In München hat am vergangenen Wochenende Mehmet, 13, seine einundsechzigste Straftat begangen. Er soll samt Eltern abgeschoben werden - das ist die bayerisch-brachiale "Lösung".

Hamburgs Opposition ist nun mit einem Vorschlag auffällig geworden, dem Politiker aus der ganzen Republik applaudieren: Wegsperren! Damit ist die Debatte, wo sie nicht hingehört: mitten im Wahlkampf.

Nüchtern betrachtet, müßte die Debatte sich längst anderen Fragen zugewandt haben. Denn seit Monaten sind die Defizite der Hamburger Politik bekannt: eine überarbeitete und desorganisierte Justiz, ein schlecht koordiniertes und unkontrolliertes Netz von Betreuungseinrichtungen. Insofern sind die Hintergründe des Todes von Lebensmittelhändler Dabelstein zugleich ein Lehrstück über die Mängel in Hamburgs Justiz und Jugendhilfe.

"Christian hat schuld, aber er ist kein Mörder", sagt Monika L. Sie ist seine Mutter. Die Probleme mit ihm haben begonnen, als er sechs Jahre alt war. Damals trennten sich die Eltern, der Vater zog mit Christians Bruder weg. Christian blieb mit seiner Mutter in der Hochhaussiedlung zurück und bekam Sprachstörungen. Schreiben und Lesen lernte er nie richtig. (Auch Patrick ist übrigens vaterlos aufgewachsen. Den Freund der Mutter hat er nie akzeptiert.) Monika L. sagt: "Ich bin nur gelaufen" - vom Logopäden zum Jugendpsychiater, zur Erziehungsberatung und wieder zurück. Doch die erbetene staatliche Erziehungshilfe sei abgelehnt worden.