Nach der Wahl steht die CDU vor der Aufgabe, Mehrheit, Mitte und Moderne neu zu definieren. Der kühne Versuch von Wolfgang Schäuble, mitten im Wahlkampf mit seinem "Zukunftsprogramm" die CDU als Partei der Veränderung zu präsentieren, wird kurzfristig zwar nicht erfolgreich sein. Doch damit ist er keineswegs gescheitert. Für die Notwendigkeit, die CDU neu zu denken, sprechen objektive Gründe. Sie liegen weniger in einer langen Regierungszeit und in der entsprechenden politischen und geistigen Erschöpfung, sie reichen tiefer: Die politische und soziale Landschaft hat sich gründlich verändert. Die Normalität der Bonner Republik geht langsam auch sichtbar zu Ende.

Die Milieus, die mit den Volksparteien auch die Gesellschaft stabilisiert haben, werden im Westen schwächer, im Osten sind sie kaum vorhanden. Dafür verfestigen sich bisher ungekannte politische und soziale Unterwelten. Dazwischen liegt ein buntes Land von Minderheitenkulturen - insgesamt bilden sie eine Mehrheit -, die eines gemeinsam haben: Sie lassen sich eher kulturell als politisch definieren, und sie sind (partei-)politisch nicht festgelegt.

I. Die CDU ist mit der alten Bundesrepublik groß und stark geworden. Als Partei neuen Typs, als Volkspartei der Mitte, jenseits von Konfessionen und Klassen, stand sie für einen neuen politischen Anfang nach 1945. Politikwissenschaftler wie Dolf Sternberger haben schon bald, mit Blick auf die Erfolge der CDU/CSU, von einem "Wahlwunder" gesprochen - und es mit dem "Wirtschaftswunder" verglichen. Der sozialen und ökonomischen Integration der Deutschen in die neue Republik entsprach die politische Integration, ab 1961, in einem stabilen Dreiparteiensystem: eine politische Stabilität, die die Deutschen bis dahin nicht oder nur in pathologischen, weil totalitären Formen erlebt hatten. Wo in der Weimarer Republik nur eine einzige Partei, die SPD, regelmäßig die 20-Prozent- und selten die 25-Prozent-Marke überschritten hatte, erzielte die CDU nach 1949, gemeinsam mit der CSU, bei Bundestagswahlen stets mehr als 40 Prozent der Stimmen. Die Union war, mit einer kurzen Ausnahme (1972), fast ein halbes Jahrhundert lang die stärkste politische Kraft im Bundestag.

Wenn im Jahre 2000 alle Welt aus ihrem Millenniums- und die CDU vielleicht aus ihrem Wahlschock aufwacht, könnte es sein, daß die Partei ihren fünfzigsten Jahrestag in der Opposition oder als Juniorpartner einer nicht mehr ganz so großen Koalition feiern wird. Spätestens dann führt kein Weg mehr an der Erkenntnis vorbei: die nächste Etappe, ob in der Regierung oder der Opposition, kann die CDU nicht mehr erfolgreich mit den geistigen Beständen aus der Ära Kohl bestreiten.

II.Demokratie, Marktwirtschaft und Sozialstatt nach innen, Antikommunismus, Westbindung (USA) und Europa nach außen: Das waren fast ein halbes Jahrhundert lang die Stabilisatoren der Politik und Gesellschaft, und es waren zugleich die Fixpunkte der Politik der CDU. Gerade weil diese Positionen in den frühen Jahren der Republik keineswegs selbstverständlich waren, hatte die CDU damit nachhaltigen Erfolg. Er wirkte auch dann noch fort, als die Zeiten sich, nach 1989, dramatisch änderten. Seine Wurzeln reichen in die formativen Jahre des kollektiven Bewußtseins, als eine schmucklose Ausprägung der Demokratie alle Erfahrungen und Hoffnungen weit übertraf, die die meisten Deutschen jemals mit ihr verbunden hatten: Niemand außerhalb der SPD harrte einer "Erfüllung" der Demokratie durch den "Sozialismus", wie die berühmte Wendung noch im Godesberger Programm der SPD (1959) lautete. Die Marktwirtschaft machte das Wirtschaftswunder möglich. So konnte man dann den Sozialstaat christkatholisch haben - und den Sozialismus bekämpfen.

Die CDU war eine Partei, die zur Gesellschaft paßte, die ihre Milieus pflegte, aber schon bald nicht mehr auf sie allein fixiert war. Sie wollte Wahlen gewinnen und nicht Programme umsetzen. Worauf es ankam, waren die Lehren aus schlimmen Erfahrungen, weniger programmatische oder gar theoretische Überlegungen. Natürlich waren, wenn man sie brauchte, Ideen zur Hand. Konservativ, liberal, christlich-sozial: Die CDU war alles, aber nichts zu sehr. Liberal war die Marktwirtschaft, sozial der Staat. Was konservativ an der CDU war, konnte niemand so genau sagen, aber jeder irgendwie schmecken. Die Hoffnung etwa, daß alles so bleiben möge, wie es ist: die Kirche im Dorf, die Familie neben der Arbeit die Mitte des Lebens und der gesellschaftlichen Ordnung; die alten Tugenden, die freilich die Modernisierung nicht aufhalten konnten noch sollten. Konservativ war aber vor allem das sichere Gefühl, daß von dieser Partei keine radikalen Umtriebe und "keine Experimente" zu erwarten waren.

Später dann, als anderswo, in Großbritannien und in den USA, scheinkonservative, in Wirklichkeit aber radikalliberale Revolutionen geprobt wurden, begann in Deutschland der Kanzler des "Weiter so" seine Zeit, die an schierer Dauer und an den äußeren Insignien des Erfolgs (deutsche, europäische Einigung) keine Parallelen kennt. Wie kein anderer hat er bis zuletzt in seiner Erscheinung die alte Bundesrepublik verkörpert. Und die alte CDU. So kam es, daß die CDU, solange die alte politische Welt noch stimmig war, fast traumwandlerisch sicher war, wo Mehrheit, Mitte und Moderne zu finden waren. Entsprechend waren, von Adenauer bis Kohl, die Ergebnisse bei Bundestagswahlen: 50,2 Prozent (1957), 48,8 Prozent (1983). Solange die Themen der Gesellschaft und die Koordinaten der CDU zueinander paßten, war sie unschlagbar, war sie die strukturelle Mehrheitspartei. Ihr künftiges Problem läßt sich einfach beschreiben: Die alten Themen haben ihre Unschuld verloren, und sie stecken nicht mehr das gesamte politische Feld ab.