Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn intellektuelle Debatten nach dem Verdachtsmuster des "Cui bono?" ablaufen: Welche Linie, Partei, Tendenz hat den Nutzen davon, wenn die Verbrechen rückhaltlos aufgelistet werden, die von kommunistischen Staaten an der Menschheit (und nicht bloß an der "Menschlichkeit") verübt worden sind? Sofort tauchen die Warnungen auf: "Nolte läßt grüßen" (Rudolf Walter). Mit dem Hinweis auf die kommunistischen Konzentrationslager und die Liquidierung der Kulaken könnten oder sollten vielleicht die deutschen Verbrechen am jüdischen Volk relativiert oder aufgerechnet werden. Und haben Verlagswerbung und Herausgeber die im umstrittenen "Schwarzbuch des Kommunismus" vorgelegten historischen Fakten nicht "der Sensation, dem Effekt und dem Business zuliebe skrupellos entwertet und verhökert", wie Lothar Baier kritisiert?

Das "Schwarzbuch" (deutsch im Münchner Piper Verlag erschienen) verdankt seine Rezeptionserfolge offenkundig auch innenpolitischen Konjunkturen. Über den französischen Kontext berichtete ein ZEIT- Dossier (Nr. 48/97). In Italien wollte Silvio Berlusconi, Multimedia-Verleger unter anderem des Mondadori-Verlages, die Buchhandelskampagne zur italienischen "Schwarzbuch"-Ausgabe mit einer taktischen Operation verbinden. Berlusconis rechter "Pol" hat keine gute Konjunktur; da galt es, in Erinnerung zu rufen, daß die Hauptakteure der bekämpften Regierungsmehrheit ehemalige oder gar Nochkommunisten sind. So war geplant, das "Schwarzbuch" als Gastgeschenk an alle Delegierten des Mailänder Parteitags der Alleanza Nazionale zu verteilen: der demokratisch geläuterten postfaschistischen Rechtspartei, Hauptbündnispartner von Forza-Italia-Chef Berlusconi. Doch da Berlusconis Druckerei nicht rechtzeitig fertig geworden war, verteilten die Mondadori-Hostessen statt dessen François Furets antikommunistische Summa "Das Ende der Illusionen" (deutsch 1995, Piper Verlag).

Der deutsche Streit um das antikommunistische "Schwarzbuch" hat sich noch zuwenig mit dessen Inhalt, den erschreckenden Fakten, den Hekatomben kommunistisch verantworteter Morde und Hungertoter, befaßt. Zwar gibt es objektive Gründe dafür, daß demokratisch eingestellte Kommunisten heute Gewissenserforschung betreiben, während sich linke Sozialdemokraten vor einer Infragestellung des anti-antikommunistischen Tabus fürchten. Ohne die kommunistische Drohung in Osteuropa wäre ja im Westen die wohlfahrtsstaatliche Korrektur des "rheinischen" Kapitalismus weitaus schwerer durchzusetzen gewesen. Das "Schwarzbuch" stellt nun die Frage, ob der in millionenfachem Tod und Leid bezahlte Preis dafür nicht zu hoch war. Und diese Frage ist keineswegs sinnlos (wie Peter O. Chotjewitz in seiner eher peinlichen Satire nahelegen möchte, ZEIT Nr.24/98), denn im Rückblick kann es für unser Selbstverständnis als demokratische Linke oder Liberale nicht gleichgültig sein, welchen Opfern und Lügen wir unsere wohlfahrtsstaatliche Lebensform verdanken.

Gewiß sind die Bemühungen Stéphane Courtois', des "Schwarzbuch"-Herausgebers, unsäglich, die Zahl der Opfer des Kommunismus auf möglichst hundert Millionen hochzurechnen - doch mit Verlaub: Auch wenn es "nur" die Hälfte war, bleibt doch die Frage legitim, welcher der beiden Totalitarismen dieses Jahrhunderts mehr Leid und Unrecht über die Menschheit gebracht hat. Der marktschreierische Moralismus des Herausgebers und der Verlagsankündigung schaden dem Buch ebenso, wie sie seine Auflage in die Höhe treiben mögen. Den Demokratiepreis der deutschen Linken wird Courtois wohl nicht erhalten. "Entwerten" (wie Lothar Baier meint) kann aber die unseriöse Verpackung die im "Schwarzbuch" enthaltenen Analysen nicht. Seriöse Leser könnten sich freilich (siehe Goldhagen-Debatte) veranlaßt sehen, das Buch gar nicht erst zu lesen. Zu Unrecht!

Die Hungersnöte: Betriebsunfälle oder Waffe gegen den Klassenfeind?

Wirklich innovativ sind die beiden Gesamtdarstellungen, die fast die Hälfte des rund tausendseitigen "Schwarzbuchs" ausmachen: Teil I und IV sind de facto Monographien über den sowjetrussischen und den asiatischen Kommunismus. Teil III über Mittel- und Osteuropa, verfaßt von Andrzej Paczkowski und Karel Bartosek, bietet eine solide Zusammenfassung von weitgehend bekannten Fakten über die Phasen der Sowjetherrschaft im Ostblock. Deutlich unter Niveau bleiben hingegen Teil II über Komintern und internationalen Terrorismus, Teil V über die Dritte Welt (Kuba, Afrokommunismus, Afghanistan) - sowie Einleitung und Resümee des Herausgebers. Ehrhart Neuberts Darstellung der Verbrechen des Sozialismus in der DDR ist ein informiertes Plädoyer wider Vergessen, Verdrängen und kommunikatives Beschweigen im vereinten Deutschland.

Pflichtlektüre am Ende des 20. Jahrhunderts sind Nicolas Werths Analyse zur Sowjetunion und Jean-Louis Margolins Darstellung der asiatischen Kommunismen. Beide Autoren werfen übrigens die Frage auf, inwieweit man überhaupt von einer Einheit des Phänomens "Kommunismus" reden kann: Gemeinsam sei dem russischen und dem asiatischen Kommunismus zwar das Ausmaß, in dem, weit über die klassischen Totalitarismusanalysen hinaus, der Terror als zentrale soziale Steuerungsinstanz, ja als Regulator der Sozialstruktur funktionierte. Doch die dabei angestrebten Gesellschaftstypen waren radikal verschieden: hier die Lenin-/Stalinsche Industriedespotie, dort der chinesische Versuch, auf politischem Wege ein kastenähnliches Sozialsystem zu schaffen.