Sehwan. Stadt aus Lehm. Heilige Stadt. Stadt der Ekstase. Wo normalerweise 30 000 Menschen leben, drängen sich 600 000 Pilger, fast ausschließlich Männer. Wie in jedem Jahr sind sie zwei Wochen vor Beginn des Fastenmonats Ramadan gekommen, um Lal Shahbaz Qalandar zu huldigen, dem Roten Königsfalken. Drei Tage lang feiern sie den Todestag des islamischen Heiligen; sein Grab liegt mitten in der Stadt, überwölbt von einer goldenen Kuppel. Ein Tag der Freude, denn im Tod wurde Qalandar eins mit Gott. Urs nennen die Pilger den Tag, Hochzeit.

Ein unvorstellbares Chaos aus Menschen-leibern, Hoffenden und Verzweifelten, Lebenshungrigen und dem Tod Geweihten. Ein Rumpfmann ohne Arme und Beine, rücklings in einer Schubkarre liegend. Ein Mädchen mit einem gewaltigen Buckel, das stumm im Staub sitzt. Ein Leprakranker, der sich fortbewegt, indem er seinen Körper über die Straßen rollt - Straßen, die von Fäkalien verschmutzt sind.

Zehntausende ziehen kurz vor Sonnenuntergang zu dem Heiligtum, in allen Gassen und Straßen vibrieren die Luft vom Klang der Trommeln und der Boden vom Stampfen der Füße. Unzählige Gruppen haben sich eingefunden, ihre jeweiligen Heimatdörfer vertretend, einen volksislamischen Orden oder eine Ethnie - die meisten haben sich spontan zusammengefunden, und die Frage nach dem Wie und Warum ist ohnehin eine europäische. Vielen geht es nur darum, Spaß zu haben. Love Parade meeting Allah, gewissermaßen.

Lal Shabaz Qalandar, der Rote Königsfalke, hieß eigentlich Usman Marwandi und lebte im 13. Jahrhundert. Er stammte aus Marwand bei Täbris im äußersten Nordwesten Irans, wo er als Heiliger im Sufi-Orden der Qalandar wirkte. Die Bruderschaft wandte sich gegen die Verwelt- lichung religiöser Ideale. Vor den Mongolen- einfällen floh Usman Marwandi - wie viele andere Sufi-Heilige - in den Sindh und ließ sich in der damaligen Handelsmetropole Sehwan nieder. Zahlreiche Wundertaten werden ihm zugeschrieben. So soll er sich in einen Königsfalken (shahbaz) verwandelt haben, um einen Freund aus den Händen eines ungläubigen Herrschers zu befreien. Den Beinamen Lal (rot) erhielt er wegen seines roten Gewandes, das er angeblich stets trug. Bereits kurz nach seinem Tod 1274 wurde das Grab Qalandars zu einem Wallfahrtsort. Heute wird er von Millionen verehrt - vom Tagelöhner bis zum Minister.

Diese Gegensätze prägen auch das Festival in Sehwan, eines der größten auf dem indischen Subkontinent. Da sind die schiitischen Flagellanten, die ihre nackten Oberkörper mit rhythmischen Schlägen der flachen Hand malträ- tieren. Später am Abend werden sie sich mit Peitschen bearbeiten, an deren Enden Rasierklingen befestigt sind. Ein blutiges Spektakel, um des Todes des ersten schiitischen Märtyrers, Hussein, zu gedenken, der im Jahr 680 von Sunniten gemeuchelt wurde. Den Flagellanten folgen Transvestiten, ihnen wiederum eine Schar, die aussieht wie einem Piratenfilm entsprungen. Es sind Lanwari-Sufis, ein Orden islamischer Mystiker, deren Angehörige für ihre Überzeugungen wiederholt im Gefängnis saßen - wegen Blasphemie. Ihr Leitspruch lautet: "Ich bin du, und du bist ich", wobei "du" Gott bezeichnet.

Dazwischen finden sich die Einzelkämpfer. Leute wie dieser Derwisch um die Dreißig, der mit seiner Sonnenbrille und den langen Haaren aussieht wie ein Harley-Davidson-Freak und das Treiben aus einem Ziegenstall heraus beobachtet. Er stimmt nicht ein in den Gesang, da er seit früher Jugend ein Schweigegelübde befolgt. Um ihn herum ein tosendes Meer aus Musik. Trommler geben den Rhythmus vor, und Derwische in den bunten Farben des Karnevals tanzen, beschwören Gott, besingen ihre Lebenseinstellung: "Nenne mich, wie du willst. Ich bin, was ich bin."

Menschen, überall Menschen. Wir flüchten vor der Menge auf eine Balustrade. Es ist der Vorsprung eines kleinen, hoch gelegenen und überdachten Friedhofs mit mehreren Heiligengräbern. Auf einem Grab hat es sich ein Murshid, ein spiritueller Führer, bequem gemacht und nimmt unentwegt Geldscheine von seinen Anhängern entgegen. Neben ihm, auf einem weiteren Grab, sitzt ein anderer Murshid mit dem Körperumfang eines Sumo-Ringers und läßt seine fetten Oberarme von einem Adepten massieren. Unwillkürlich denkt man an das Diktum Marx' von der Religion als Opium des Volkes - nicht nur wegen des schweren Haschischgeruchs, der in der Luft liegt.