Da sitzt er nun auf der Terrasse, mit Blick in seinen Dahlemer Garten, liest die neuesten Artikel, die über ihn erschienen sind, beantwortet dann und wann, schnurlos, die Anrufe neugieriger Journalisten - und findet das rühmend Geschriebene eigentlich als unzeitigen Nekrolog; in der Sache gewiß nicht unberechtigt, aber doch als Akt vorauseilender Nostalgie.

Noch bleibe er, sagt Wolf Jobst Siedler, weiterhin zuständig für die großen, von ihm initiierten Projekte, für jene dreißig, vierzig Autoren, die er an jenen Verlag gebunden hat, den man den seinen zu nennen sich angewöhnt hat, obwohl doch die Anteile seit fünfzehn Jahren mehrheitlich, seit über vier Jahren ganz bei Bertelsmann liegen. Aber seit dem 1. Juli hat der Siedler-Verlag nun auch einen neuen Chef. "Ich bin ein König im Exil." - "Phönix im Sand!" repliziert einer der Anrufer, unter Vorgriff auf den Titel von Siedlers nächstem, demnächst erscheinenden Buch.

Der Verleger Wolf Jobst Siedler zum Beispiel ist mit der schlichten Entgegensetzung "Hier der nicht nur geistig, sondern auch wirtschaftlich souveräne Eigentümer als Verleger, dort die großen, kalt rechnenden Kapitalisten als Buchvermarkter" gar nicht zu begreifen. Die ganz überwiegende Zeit seiner Büchermacherei verbrachte er gerade im Dienste großer Konzerne, erst (Ullstein, Propyläen) bei Springer, seither - nach drei Jahren geteilter Selbständigkeit (Severin und Siedler) - bei Bertelsmann. Nicht die Struktur des wirtschaftlichen Kapitals war in diesem Falle maßgeblich, sondern die Personalisierung des geistigen Vermögens. Auch im Kapitalismus gibt es geistiges Format - sofern es den Kapitalisten eindringlich, ja bezwingend gegenübertritt.

Und den Autoren! Siedler erzählt so genießerisch über all die Menschen, die er kennengelernt hat, daß der flüchtige Zuhörer sich vor dem Name-dropping fast fürchten möchte. In Wirklichkeit hat er sich im Kreise dieser Menschen nicht bloß gesonnt - er hat sie selber beschienen und so zum Leuchten gebracht. Viele der bei ihm erschienenen Bücher hat er vor und mit den Autoren erdacht, in sie hinein- und aus ihnen herausgeredet, als sei's ein Stück von ihm selbst. Und wo die Autoren hartnäckig darauf bestanden, ihr Buch ganz allein zu verfassen, möchte man beim Lesen manchmal sagen: Eben...

Gegenüber diesem begnadeten Essayisten ist es allerdings auch nicht einfach, besser, schöner, gebildeter zu schreiben als der Verleger selber. Das ist aber das Wunder seiner Verlagsprogramme: daß die Symbiose zweier Geltungsansprüche - der des Autors wie der des Verlegers - doch so häufig gelungen ist.

Siedlers Essays leisten die subtilste Form der Trauerarbeit: eine ästhetische Kritik der Gegenwart aus dem Traum der Vergangenheit. Nicht als rückwärtsgewandte, reaktionäre Utopie - das wäre ein arges Mißverständnis. Sondern als bisweilen versonnene, bisweilen polemische Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen könnte - nämlich so, wie die Vergangenheit idealerweise hätte aussehen können . So wie Fontane einen idealen preußischen Adel gegen die Wirklichkeit hält (und in Wirklichkeit: träumt), träumt Siedler von einer idealen Ästhetik des alten Preußen, des alten Berlin: die Stilisierung des längst Verspielten als Stilkritik des Vorhandenen.

Einer Sammlung seiner Aufsätze ("Wanderungen zwischen Oder und Nirgendwo") stellte Siedler ein ihn selber bezeichnendes Zitat von Nietzsche voran: "Ein Geschichtsschreiber hat es nicht mit dem, was wirklich geschehen ist, sondern nur mit den vermeintlichen Ereignissen zu tun ... Alle Historiker erzählen von Dingen, die nie existiert haben, außer in der Vorstellung." Der bewegendste seiner Essays "Auf den Seelower Höhen" läßt - in den sechziger Jahren geschrieben - die geographische und geistige Landschaft zwischen Berlin und Oderbruch noch einmal im milchigen Licht des großen Flusses aufscheinen, jene Landschaft, die 1945 von der Roten Armee beim Sturm auf die Hauptstadt überrannt wurde. Aber der Traum leidet unter der Wirklichkeit: Nach 1989 berichtete Siedler bei einem Abendessen von einer Reise durch dieses Terrain so entsetzt über die Banalität des Faktischen, daß ein Tischgast nicht anders konnte, als ihm vorzuschlagen: Wir setzen Sie in Honeckers alte Limousine, ziehen die Vorhänge zu und fahren Sie in die Seelower Tiefen...