Seit Oktober betreibt die Deutsche Bank ein "ecash-Pilotsystem im Realbetrieb". Ein Ende des Tests ist zwar noch nicht abzusehen, aber Technikoptimisten träumen von einem Startschuß für die Massenkundschaft spätestens im kommenden Jahr. Bis dahin können über tausend Testkunden von ihrem Computer aus in dreizehn Internet-Läden einkaufen und dabei mit elektronischem Geld zahlen, etwa Informationen aus der Datenbank Genios, Videokassetten vom ZDF oder Schonbezüge vom Versandhaus OVH.

Die "virtuelle Geldbörse" basiert auf einem Verfahren der niederländischen Firma Digi Cash. "Wie tatsächliche Münzen sind auch ihre elektronischen Abbilder im ecash-System anonym und für kleinere Beträge geeignet", sagt Klaus Thoma von der Deutschen Bank. "Um elektronisches Bargeld aufzubewahren, wird auf der Festplatte eine virtuelle Geldbörse eingerichtet. Gefüllt wird das Daten-Portemonnaie durch eine Abhebung vom ecash-Konto." Dieses wiederum wird per Überweisung von einem bestehenden normalen Bankkonto bei der Deutschen Bank aufgefüllt. Ein Computerabsturz soll tröstlicherweise nicht automatisch zum Verlust der maximal 400 Mark führen, die als elektronisches Kleingeld ausgegeben werden (www.deutsche-bank.de/wwwforum/ecash).

Ob nun ecash oder Cyber Coins, sie sollen beide nur "das unterste Preissegment" abdecken, bekennt Deutsch-Banker Thoma. Für teure Waren hat sich derweil ein Quasikartell gebildet. Noch sind Zahlungen per Kreditkarte oder Lastschrift vom heimischen PC aus ziemlich riskant, da alle Informationen förmlich im Klartext verschickt werden - zur Freude von virtuellen Finanzdieben, die mit ihren Kenntnissen ganz echte Konten plündern.

Abhilfe will ein breites Bündnis aus Finanzgewerbe und Computerindustrie mit dem sogenannten SET-Standard (SET = Secure Electronic Transaction) schaffen. Ihm gehören einerseits die beiden großen Kreditkartengesellschaften Eurocard/Mastercard und Visa an und andererseits IBM, Microsoft und Netscape. Inzwischen haben sich auch die deutschen Großbanken auf diese SET-Norm verständigt. Die Commerzbank versucht sich bereits, zusammen mit Karstadts Online-Kaufhaus My World, am virtuellen Bezahlen mittels Kreditkarte (www.commerzbank.de/privat/service/set.htm). Aus der Sicht der Finanzgiganten bietet das elektronische Geld gewaltige Rationalisierungsvorteile. Denn viele Arbeitsplätze werden im Kreditgewerbe durch die "Geldkarte" - die Microchips auf unseren Euroscheck- und Bankkarten können mit "Bargeld" aufgeladen werden - und durch den elektronischen Zahlungsverkehr verlorengehen.

Aus ganz anderen Motiven heraus zogen mittlerweile Bundesregierung und Bundesbank die Reißleine und erklärten die Ausgabe von elektronischem Geld per Gesetz zum reinen Bankgeschäft. "So können die Sicherheit und Funktionsfähigkeit des volkswirtschaftlich sehr bedeutsamen bargeldlosen Zahlungsverkehrs besser gewährleistet werden", verspricht die Bundesbank. Damit werden zwei Anliegen verfolgt: Zum einen bleibt "Geld" die Sache der klassischen Kreditwirtschaft, und potentielle Konkurrenten wie Microsoft oder Otto Versand, Siemens oder American Express werden demonstrativ in ihre Branchenschranken verwiesen. Zum anderen bleibt eine Verbindung von "Geld" zu einem Bankkonto oder zum Zentralbank-Bargeld erhalten und damit auch unsere elektronische D-Mark im staatlich regulierten Geldsystem gefangen.

Mit der Sicherheit hapert es allerdings noch. Erst die nächste Computergeneration könnte mit einem Lesegerät schützende Abhilfe schaffen. Dann ließen sich sicherheitsrelevante Geld-Daten auf einer Chipkarte speichern. Bis dahin werden Verbraucherberater, Datenschützer und das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik wohl weitermurren. Aus gutem Grund: Als im vergangenen Sommer der amerikanische Softwareproduzent RSA Data Security - Erfinder des Codes, mit dem die elektronischen Geldbörsen auf unserem Rechner funktionieren sollen - einen codierten Text ins Internet stellte, glaute er, daß eine Entschlüsselung mehrere Jahre dauern würde. Tatsächlich wurde die Notiz schon nach vier Monaten geknackt. "Eine zuverlässige Verschlüsselung macht die Welt sicherer", lautete die Nachricht im Klartext.