Mit einem alten chinesischen Sprichwort beschreibt Dieter Simon das Konzept seiner Arbeit: "Wer einen Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen." Der Jurist, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sorgt derzeit für Schlagzeilen als Vorsitzender der als Simon-Kommission bekannten Sachverständigenrates Hochschulentwicklungsplanung in der Region Saarland-Trier-Westpfalz. Die Frösche aber geben auch ungefragt keine Ruhe. Zur Zeit herrschen Lärm und Aufruhr an der Universität des Saarlands: Hier werde wieder einmal eine Hochschule kaputtgespart, hier müßten Studenten und Dozenten ausbaden, was Politiker verbockt hätten.

Solche Klagen sind nicht nur an der Saar zu hören. Kaum ein altes Bundesland, das in den vergangenen Jahren nicht mühe- und reuevoll die Verwerfungen einer unbekümmerten Hochschulexpansion der Vergangenheit durch schmerzvolle Einschnitte in den Universitätsetat korrigieren mußte.

Klaus Landfried, der Präsident der Hochschulrektoren, verkündete auf der Hauptversammlung der deutschen Rektoren Anfang Mai das Ende der Universität klassischen Anspruchs und Zuschnitts und den Aufbruch in eine neue Unvollständigkeit: "Es gilt Abschied zu nehmen von der Vorstellung, eine Hochschule und insbesondere eine Universität könne je für sich ein vollständiges Fächerspektrum ... mit all seinen Differenzierungen auf international konkurrenzfähigem Niveau anbieten. Die Universität der Zukunft wird eine unvollständige Universität sein und daher Kooperationspartner suchen."

Mit anderen Worten, die Zeit der altehrwürdigen "Volluniversität" mit umfassendem und zugleich wettbewerbsfähigem Fächerkanon ist vorbei. Längst haben sich vielerorts die Hochschulen zu Bündnissen zusammengeschlossen und auf Kooperationen verständigt - in Baden-Württemberg, in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und einigen Ländern mehr. Der Not und den Empfehlungen unabhängiger Strukturkommissionen gehorchend, wurden Forschungsschwerpunkte gebildet, Studiengänge gebündelt, Institute zusammengelegt, verschlankt und manchmal ganz geschlossen.

Vom Kosmos der Wissenschaft, so wie er einst Fichte oder Schleiermacher vorschwebte, verkörpert im organischen Zusammenhang der klassischen Fakultäten, bleibt nur das hehre Ideal. Die Verfechter der traditionellen Universität verhalten sich erstaunlich ruhig angesichts des drohenden Endes: Ist es die Lust am fliegenden Paradigmenwechsel, die derzeit die Gesellschaft heimsucht, der Mangel an besseren Vorschlägen oder einfach die Einsicht, daß einzelne Universitäten zumal in ärmeren Bundesländern dem wachsenden Finanz- und Leistungsdruck nicht mehr gewachsen sein werden?

Hochschulkooperation aber sollte mehr sein als ein Verlegenheitsprogramm für darbende Staatsanstalten. Der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß, Mitarbeiter der Simon-Kommission, streitet seit Jahren für das Verbundprinzip, er preist es als Konzept "der weiteren Stärkung der Stärkeren und der radikalen Trennung von bestehenden Schwächen". Auch Mittelstraß greift zu Sprichwörtlichem, um deutlich zu machen, worauf es ankommt: "Eine alte Ballonfahrerweisheit sagt: Wer Ballast abwirft, steigt." Wer aber entscheidet, welcher Ballast über Bord gehen soll?

Da scheiden sich allenthalben die Geister. An der Saar allerdings prallen die unterschiedlichen Positionen der Beteiligten wegen der regionalen und politischen Gegebenheiten und wegen der Geschichte der Universität auffallend heftig aufeinander. Hier zeigt sich auch besonders deutlich, welch enormer Erneuerungsschub nötig sein wird, um aus der anvisierten Umstrukturierung ein tragfähiges Konzept für die Zukunft zu schaffen.