Die Fronten in der durchweg mehr polemischen als konstruktiven Diskussion, die von den verschiedensten Ausgangspunkten in den verflossenen Jahren immer wieder um die Universität entbrannte, haben sich mit einem Mal verkehrt. Ein erstes, in Norddeutschland nur beiläufig registriertes Signal dafür, daß die von der Öffentlichkeit erhobene Forderung nach einer organischen Einordnung der Universität in das – politisch verstandene – gesellschaftliche Gefüge zumindest korrespondieren müßte mit der Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem akademischen Nachwuchs in Deutschland, gab am Vorabend der Währungsreform die demonstrierende Studentenschaft der US-Zone. Inzwischen handelt es sich nicht mehr nur um das Maß der Mißachtung, dem der geistige Arbeiter, somit auch Studenten und Professoren, auf der untersten Stufe der Verbraucherkategorien stehend, begegnen, sondern um die unvergleichlich kritischere Ausweglosigkeit infolge der nunmehr entschleierten Armut unseres Volkes, die auch die große Masse der Studenten ihrer materiellen Illusionen beraubt. Nicht genug damit, enthüllt sich jetzt am Beispiel der Universität die ganze Fragwürdigkeit unserer gesellschaftlichen Struktur. Der wesentliche Vorwurf, der sich vom Ausland, vor allem von den westlichen Siegerstaaten gegen die deutschen Universitäten richtete, war der des mangelnden Kontakts mit der Gesellschaft. Die Dozenten seien zeitfremd, ja reaktionär, die Studenten ideenverschlossene Arbeitstiere. Unabhängig davon, daß der auf die reine Berufsausbildung eingeschworene Student nicht nur in Deutschland als eine typische Nachkriegserscheinung zu gelten hat, übersah man, daß die schon sprichwörtliche Skepsis und das Mißtrauen unserer akademischen Jugend gegenüber der Öffentlichkeit nicht zuletzt ein Ergebnis ihrer vergeblichen Ausschau nach einer wirklichen Gesellschaft in Deutschland sind. Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht die drohende Radikalisierung weiter studentischer Kreise. Sie war ein Hauptargument der süddeutschen Demonstranten. Unter dem Druck der nunmehr völligen Pauperisierung wird es nicht die so oft behauptete Radikalisierung von rechts sein, sondern nach links. Beweise dafür finden sich in dem rapiden Anwachsen der entsprechenden Studentengruppen. Von der vorweg bloßen Opposition gegen eine Gesellschaft, die nur vorgetäuscht vorhanden ist, ist nur ein Schritt zur ideologischen Kampfansage.

Den frühzeitigen Warnungen der deutschen Studentenschaft steht ein bestürzendes Fehl an vorsorglicher Kalkulation bei den staatlichen Stellen gegenüber. Auch das Werkstudententum, das seit dem Beginn der "Entbürgerlichung" zwischen den beiden Kriegen schon in eine Tradition hineingewachsen ist, ist kein zuverlässiges Allheilmittel mehr. Im ersten Schock der Währungsreform sind gerade hier die Chancen für einen das Studium nicht beeinträchtigenden Nebenerwerb spürbar gesunken. Die Arbeitsnachfrage seitens der zusätzlich mittellos gewordenen Studenten aber ist in stetigem Ansteigen. Die Arbeitsämter wieder sehen sich auf Grund der veränderten sozialpolitischen Verhältnisse gezwungen, den Studenten weitgehend von den Dauerarbeitsmöglichkeiten zugunsten der anderwärts freiwerdenden normalen Arbeitskräfte auszuschließen. Die Wege der Eigeninitiative und Selbsthilfe schließlich sind nach allen Seiten durch die generelle Geldknappheit blockiert. Gleichwohl mangelt es nicht selbst an korporativen Versuchen, den tödlichen Ring zu durchbrechen. Da und dort zeigen sich überraschende Ansätze einer wiederauflebenden akademischen Solidarität (Hilfsaktionen der Altakademiker), Bemühungen um Senkung der Miet- und Fahrtkostensätze, mit sehr unterschiedlichem Erfolge, vereinzelt, allzu vereinzelt auch Freitischspenden. Die entscheidenden Hilfsfonds jedoch, wie die Stipendien des Studentenwerks oder aus privater Hand, sind ebenso weggeschmolzen wie die individuellen Rücklagen. Kurzfristige Überbrückungshilfen, zum Teil auf dem Kreditwege, vor allem für die älteren, vor dem Examen stehenden Semester sind das einzige Positivum, worauf man im Augenblick zu hoffen wagt. Aber selbst hierüber hüllt sich der Fiskus der Länder noch in Schweigen. In der Tat, an Anschauungsmaterial bei ihrer Überprüfung der deutschen Hochschulsituation fehlt es der gemischten Reformkommission nicht. Die Fragestellung zwar dürfte jetzt weit über den Rahmen der bloßen re-education hinausgehen, ein Wort, dessen Erfindung allein schon der Labour-Abgeordnete Richard Crossmann soeben erst auf dem Internationalen Münchner Jugendtreffen als einen der "schlimmsten Fehler" der Siegermächte anprangerte. Im Augenblick jedenfalls hat sich die Krise zu Lasten der Öffentlichkeit (sprich: des Staates), nicht der Universität entwickelt. Dabei steht heute wie auch in den drei Jahren zuvor nichts anderes zur Debatte als die einfache Konsequenz aus dem Faktum, daß "Die Hochschule an dem geistigen Raum schafft, in dem wir gemeinsam leben" (Jaspers). Es lag nicht nur an den Universitäten, wenn man sie zu ziehen vergaß. Die mangels einer echten und gesunden, also "organischen" Wechselwirkung zwischen Hochschule und öffentlichem Leben vielfach vermißte Resonanz wird jetzt durch die Not der Studenten mit verdoppelter Stärke herausgefordert. Der Staat ist nur eine, nicht die einzige Instanz, die auf dem Wege einer Soforthilfe alles dransetzen muß, die Kontinuität der akademischen Arbeit vor den unabsehbaren Folgen ihrer akuten Gefährdung zu bewahren. Überläßt man die Universitäten und damit die Studenten sich selbst, wir d mit dem an sich begrüßenswerten Wegfall des numerus clausus ein soziologischer Auslesemechanismus einsetzen, der praktisch dem "Geldsackstudenten" – mit weitem Abstand – das Privileg vor dem Beamten-, Arbeiter- und Flüchtlingssohn gäbe. Schon der bisherige Auswahlmodus hat, bei einer Durchfallsquote von manchmal 40 v. H. in den Prüfungen, zu einer katastrophalen Qualitätssenkung geführt. Hier liegen die fürs erste gewichtigsten Diskussionsmomente für eine Reformierung der Universität: nicht die – wie auch motivierte – Drosselung, sondern die Freimachung aller in der Jugend verborgenen geistigen Kräfte. Die Öffentlichkeit drückte ihre Mitverantwortung allzu lange vornehmlich in Kritik und Postulaten aus. Nun fällt es ihr zu, die Ernsthaftigkeit ihrer Anteilnahme durch nützliches Verständnis und greifbare Mithilfe auf die Probe zu stellen.

Die Rubrik wird betreut von Jeanine Kantara