In der Nacht des 17. Juli 1918 wurden die Romanows in ihrem Unterschlupf bei Jekaterinburg geweckt. Der Anführer des bolschewikischen Exekutionskommandos, Jakow Jurowskij, erklärte der Zarenfamilie, "wegen der unsicheren Lage der Stadt" müsse er sie in den Keller des Hauses verlegen. Dort sollten sie photographiert werden. Es gab keine Tränen, kein Schluchzen, keine Fragen. Alle reihten sich auf und warteten in Tüll, Brokat und Seide auf den Photographen.

Die Tür ging auf. Elf Mann betraten den Raum und eröffneten das Feuer. Nikolaus II. und seine Frau Alexandra, der Sohn Alexej, die Töchter Anastasija, Tatjana, Maria und Olga brachen im Kugelhagel zusammen, mit ihnen vier Bedienstete. Jurowskij schoß dem noch stöhnenden Alexej zweimal direkt ins Ohr. Die Mädchen starben zuletzt, weil die Geschosse von ihren Broschen und Juwelen abprallten. Die Mörder vollendeten ihren Auftrag mit Gewehrkolben und Bajonettspitzen. Die "ganze Prozedur" dauerte zwanzig Minuten, resümierte Jurowskij später für die Buchhaltung.

Achtzig Jahre nach dem Verbrechen liegt Lenin unbegraben im Glasschrein auf dem Roten Platz, während seinen berühmtesten Opfern endlich eine angemessene Beerdigung zuteil werden soll. Als Lenins Staat 1991 zusammenbrach, wagten Beamte, die verscharrten Gebeine zu bergen. Sieben Jahre lang wurden sie sorgfältig untersucht, Molekulargenetiker attestierten die Echtheit, Gerichtsmediziner und Historiker bestätigten das Ergebnis. Auf Beschluß einer Regierungskommission werden die sterblichen Überreste der Zarenfamilie nun am 17. Juli in der Peter-Pauls-Kathedrale in St. Petersburg beerdigt. Die Regierung in Moskau hofft auf einen Tag allrussischer Trauer und Versöhnung.

Doch danach sieht es nicht aus. Im Juni wollte sich ein behinderter Mann namens Artur in der Begräbniskirche der Romanows mit eineinhalb Kilogramm TNT in die Luft sprengen. Anfang dieses Jahres explodierten zwei Bomben am Tatort in Jekaterinburg. Das schlichte Holzkreuz auf der blutgetränkten Erde ist seit 1991 mehrmals abgebrannt. Die Täter sind unbekannt. Aber alle wissen, daß eine nationale Front aus Monarchisten, Faschisten, Kommunisten, orthodoxer Kirche, Adligen und Emigranten die geplante Beerdigung der Überreste als Zarengebeine leidenschaftlich ablehnt. Sie bestreiten ihre Authentizität.

Kein Forschungsbeweis vermag die Zweifler aus Instinkt zu überzeugen, nicht die DNA-Analysen des amerikanischen Verteidigungsministeriums und renommierter britischer Pathologen, nicht die forensischen Untersuchungen der russischen Akademie der Wissenschaften, nicht die Genuntersuchung der Zarengebeine und des Verwandten Prinz Philip in London, nicht der Vergleich der Knochen von NikolausII. mit denen seines Bruders Georgij. Die Frage, ob die Gebeine von Jekaterinburg auch wirklich die richtigen sind, ist in Rußland zu einem Glaubensbekenntnis geworden. Nach Umfragen glauben fünfzig Prozent der Russen an die Echtheit der Gebeine, dreißig Prozent zweifeln daran.

Iwan Arzischewskij bekennt freimütig seinen Glauben an die Knochen. Der 48jährige Unternehmer wohnt in einer winkligen Hinterhofwohnung im historischen Zentrum von St. Petersburg. Wenn er die Schränke öffnet, quellen Stapel von Akten und Dokumenten über die Romanows hervor, die dieses und jenes beweisen, anderes widerlegen. Solche Unterlagen zu besitzen ist wichtig, denn in Rußland sind auch unbestreitbare Fakten meist umstritten. Arzischewskij ist ein Kind russischer Emigranten.

Er spricht neben seiner Muttersprache Portugiesisch, Spanisch und Englisch und hat Kontakte zu Familienangehörigen der Romanows im Ausland. Deshalb ist der Besitzer einer Mineralienfirma Mitglied der Petersburger Kommission geworden, die mit der Organisation der Umbettung betraut ist. "Der Ablauf wird bescheiden, aber würdig sein", sagt Arzischewskij und blickt unter seiner Hornbrille hindurch auf ein Dokument. "Der letzte begrabene Zar, Alexander III., wurde nach seinem Tod in einer gewaltigen Prozession auf dem Landweg von der Krim nach St. Petersburg verbracht." Die Überreste von Nikolaus II. und seiner Familie würden moderner, aber auch sicherer transportiert. "Die Gebeine werden noch in Jekaterinburg in die Sarkophage gelegt", erzählt Arzischewskij. "Von dort bringen Piloten der Luftwaffe sie am 16. Juli in einer Tupolew 154 nach St. Petersburg."