Schon den vierten Tag liegt das Segelschiff Undine vor der dänischen Insel Falster fest. Gegenwind in Stärke acht verhindert die Weiterfahrt nach Kiel. An Bord sind neben vier Betreuern sieben Halbwüchsige zwischen vierzehn und siebzehn - auch solche, die wegen Raubüberfällen oder des Besitzes harter Drogen aktenkundig sind. Trotz der Warterei sei die Stimmung an Bord gut, sagt Kapitän Jens Günther: "Wir malen und klopfen Rost."

Erlebnispädagogische Reisen wie diese sind in Verruf geraten.

FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle wettert, der Normalbürger bekomme sein Recht häufig erst nach Jahren, aber "für manche Straftäter werden Segeltörns in die Südsee organisiert". Und der Hamburger CDU-Landesvorsitzende Dirk Fischer klagt die Pädagogen als Komplizen der Täter an: Wer solchen Kriminellen "auch noch das Leben versüßt, der trägt Mitschuld an den grausamen Verbrechen". Dabei wolle die Erlebnispädagogik, die in den achtziger Jahren populär wurde, nichts anderes, als Jugendliche von "unerlaubten auf erlaubte Reize" umlenken, erklärt der Hamburger Pädagogikprofessor Peter Struck. Auf dem Meer, in den Bergen oder im Dschungel sollen Problemkinder an ihre körperlichen Grenzen gehen, Abstand zum Milieu finden und eine Beziehung zum Betreuer aufbauen.

Die harsche Kritik ärgert Jörg Ziegenspeck, den Vater der modernen Erlebnispädagogik und Professor an der Universität Lüneburg, zutiefst.

Schiffs- und Bergtouren seien als Prävention gedacht, würden aber immer wieder mißbraucht, um diejenigen "zu betreuen und zu versorgen, die jahrelang nicht betreut oder versorgt wurden". "Raus aus der Stadt, raus aus dem Abendblatt" laute die Devise in Hamburg: Wer in der Ostsee segelt, kann in der Hansestadt keinen überfallen. Der Alltag mit solchen Jungen sei von "tausend kleinen Katastrophen" geprägt, sagt Claus Bräuer vom Verein Gangway, der die Undine chartert. Psychische Abstürze müssen verkraftet werden. Und manchmal geht einer wieder auf Einbruchtour, wenn das Schiff gerade in einem Hafen liegt.

Schuld am schlechten Image der Erlebnispädagogik sind auch die schwarzen Schafe der Branche. Ein Beispiel: Ausgestiegene deutsche Sozialarbeiter bringen drei Jugendliche in ihren Wohnwagen in Portugal unter, um sich mit dreimal 3000 Mark Unterhalt ihr Leben zu finanzieren. Von Betreuung keine Rede. Der Erziehungswissenschaftler Struck kritisiert auch, daß Jugendliche nach den Reisen oft nicht weiterbegleitet würden. "Ein solcher Junge erfährt einmal mehr, daß sich Beziehungen nicht lohnen." Das frühere Umfeld, die Crashkids- oder die Stricher-Szene, erweist sich als beständiger.

Damit die Delinquenten nicht wieder im alten Milieu landen, setzt Gangway auf Kontinuität. Zuerst sind die Jungen - ein Mädchenschiff ist erst in Vorbereitung - ein halbes Jahr auf hoher See, wo sie hart mitarbeiten müssen und klare Regeln gelten: Wer dreinschlägt oder Drogen nimmt, muß an Land.