Mitten ins schönste Gespräch mischt sich diese Stimme, ganz leicht und nebenbei, bis man merkt, wie's in den Ohren klingelt und man schon lange nicht mehr bei der Sache war. Entschuldigen Sie bitte, wer singt denn da?

Eiswürfel im Cocktail, ein Barpioano, Stücke, die jeder kennt und doch selten so gehört hat. Eine zart verrauchte, eine hohe Stimme, ein kleines Mädchen, das auf Vamp macht, oder eine blonde Baby Doll als Sekretärin vom Lande? In jedem Fall ein Geschöpf der fünfziger Jahre, eine bebrillte Marilyn Monroe und ein weiblicher Nat King Cole mit Liedern in den Klangfarben von Technicolor. Von jedem ein bißchen und doch unverwechselbar selbstbewußt: Blossom Dearie.

Keyboard-Kätzchen nannten sie jene singenden Pianistinnen, die Königinnen der Cocktailbars, die - je nach Klasse und Kasse - jedes Geplapper mit einem Blick einfrieren konnten. Blossom Dearie war und ist eine davon und spielt doch in ihrer ganz eigenen Liga. Schon der Name: riecht nach Fake und ist doch echt. Die schottischen Wurzeln des Vaters (die Mutter ist norwegischer Abstammung) sorgen für Dearie, die rosarote Liebe schenkt ihr den Vornamen Blossom. Und so die Stimme: im ersten Moment ein irritiertes Stutzen, beim zweiten Takt ein Aufblühen der Gefühle. Die musikalische Mischung: 2 Teile Jazz, 1 Teil Musical und Comedy, je 1 Spritzer "Let's Make Love" und "I'm hip". Verwunderlich, daß sie die diversen Szenemagazine - immer auf der Suche nach Kult - noch nicht entdeckt haben, obwohl Polygram seit ein paar Jahren die Wiederveröffentlichung der sechs bei Verve erschienenen Platten betreibt.

Nach dem französisch behauchten "Blossom Dearie" und dem schwerelosen "Once Upon A Summertime" nun das dritte Original im gelborangen Digipack, "Give Him The Ooh-La-La", ein Sommertraum (Verve 517 067).

Der Lexikoneintrag (Reclam): "Gesang, Klavier, Swing. Geboren 28. 4. 1926 in East Durham, New York. War Mitte der vierziger Jahre in Vokalensembles tätig.

Ferner bei Woody Herman, arbeitete auch als Barpianistin, ging 1952 nach Paris, sang zusammen mit Annie Ross ... In Paris heiratete sie den belgischen Tenorsaxophonisten Bobby Jaspar, kehrte 1956 nach New York zurück, sang in Clubs und begleitete sich selbst." Was zu ergänzen wäre: 1. Gründete ihr eigenes Label "Daffodil" (Narzisse!), tritt in New York auf und lebt dort. 2.

Ihre Fassungen von "Tea For Two", "They Say It's Spring" und "Manhattan" zählen zu den unverschämt grandiosen Versionen der Jazzgeschichte. 3. Singt mit einem umwerfenden musikalischen Augenaufschlag: "I'm an evil evil woman".