Wie charakterisiert man auf neudeutsch einen Bürger, der sein Schäfchen ins trockene gebracht hat, ohne despektierliche Vokabeln wie "reich" oder "wohlhabend" zu verwenden? Ein hanseatischer Kaufmann hat kürzlich offenbart, er wolle Leute in sein Reisebüro locken, "deren Konsumverhalten von konjunkturellen Schwankungen unabhängig" sei.

Also hereinspaziert in die schöne neue Welt des Reisens, die Hapag-Lloyd an Hamburgs erster Adresse - vorn Jungfernstieg, hinten Binnenalster - erfunden hat. Noch schnell die Krawatte gerichtet, Nase und Ohren frei gemacht für neue Eindrücke. Italienische Musik liegt in der Luft und ein Duft, den die Dame an der Rezeption auf Nachfrage als Zitrone entschlüsselt. Ein Reisebüro, das sich als Boutique oder Anlagebüro getarnt hat. Auf Stehtischen laden Thermoskannen zu einem Kaffee zwischendurch ein. Leider ist man etwas spät dran. Aus den Tassen drum herum hat schon jemand anders getrunken.

Der Vorsatz, hier eine Bahnfahrkarte nach Kaiserslautern zu kaufen, scheint plötzlich absurd. Vielleicht sollte man doch lieber gleich nach Saint-Tropez oder Sankt Moritz durchbuchen, allein um seine Unabhängigkeit von konjunkturellen Schwankungen unter Beweis zu stellen. Sonst hätten sich die Designer schließlich nicht soviel Mühe machen müssen. Keine Spur von Fahr- oder Flugplänen. In diesem Ambiente möchte man über das Reisen und die Welt philosophieren und nicht mit Stornogebühren oder höherer Gewalt bei Rundreisen durch Israel konfrontiert werden. Und immer dieses dezente Raumparfüm in der Nase, das in der Nähe der Duftsäulen noch intensiver wird.

Hapag-Lloyds Erlebnisreisebüro ist übrigens nicht ganz fertig: Im August wird dort eine Kabine der neuen Europa im Maßstab 1 : 1 eingebaut. Wer wollte schließlich die Katze im Sack kaufen und eine Luxuskreuzfahrt buchen, ohne vorher den Balkon abgeschritten und die Naßzelle getestet zu haben?

In einer Sache allerdings haben die Trendscouts von Hapag-Lloyd ihre neue Philosophie noch nicht zu Ende gedacht: Wenn dieses über alle Maßen elegante Reisebüro schon eine Rezeption besitzt, betörend südlich nach Zitronen riecht und wie ein Lustdampfer ausgestattet ist, warum kann man es dann nicht buchen?

Denn das emotionalisierende Ambiente nimmt dem in ferne Länder strebenden Kunden womöglich allen Wind aus den Segeln. Das wäre was: ein Traumschiff ohne Seekrankheit, Jet-lag und Malariapillen, dafür mit unverbaubarem Alsterblick! Doch über Urlauber, die ein langes Wochenende oder auch vierzehn Tage im Erlebnisreisebüro verbringen möchten, hat sich Hapag-Lloyd überhaupt noch keine Gedanken gemacht.