Dem Feld voraus

Natürlich war es eine Schnapsidee, und natürlich haben gerade Schnapsideen im nicht eben alkoholfeindlichen Irland ihren besonderen Reiz: Ich will die Strecke abradeln, auf der sich das Rennfahrerfeld der diesjährigen Tour de France durch den Südosten Irlands wälzen wird.

Die Gegend ist für Eroberer seit jeher das Einfallstor nach Irland gewesen, insofern reiht sich die internationale Radfahrertruppe in eine alte Tradition ein. Dieser Küstenabschnitt ist fruchtbar und relativ flach und wird von den breiten Mündungstrichtern etlicher Flüsse geprägt, durch die sich schon die Wikinger im 10. Jahrhundert eingeladen fühlten, Städte wie Wicklow, Arklow, Wexford, Waterford und Youghal zu gründen.

Vor allem die Grafschaft Wexford spielte aber auch eine Schlüsselrolle bei der Rebellion von 1798. Angestachelt von der Französischen Revolution, hatte Theobald Wolf Tone versucht, mit napoleonischen Truppen in Irland zu landen.

Man war der Küste schon so nahe, daß man "einen Zwieback an Land hätte werfen können", wie Tone es ausdrückte, doch der angeblich schwerste Sturm des Jahrhunderts ließ die Landung scheitern. Die Ideale der Französischen Revolution schafften es damals nicht, sich in Irland durchzusetzen, doch genau 200 Jahre später wird Irland nun doch noch für drei Tage französisch, jedenfalls, was den Radsport angeht.

Der kurze Prolog der Tour wird in der Dubliner Innenstadt gefahren, was unsereins nicht nach- beziehungsweise vormachen muß, denn die Verkehrsverhältnisse dort kommen dem Radfahrer wahrlich nicht entgegen.

Beginnen wir also mit der ersten richtigen Etappe, die am 12. Juli über 180 Kilometer in der hübschen Landschaft südlich von Dublin verläuft. Hübsch, das ist diese Gegend wohl - für die Radrennfahrer ist sie vor allem aber hügelig, denn die Grafschaft Wicklow, durch die es geht, rühmt sich der größten zusammenhängenden Fläche irischen Berglands.

Durch die Dubliner Vorstädte im Süden erreicht man den immer noch leicht mondänen Bade- und Ferienort Bray. Ich folge stetig der Küstenlinie und habe in Arklow bereits knapp achtzig Kilometer in den Beinen. Doch die eigentliche Arbeit kommt erst noch. Hier knickt die Tour-Strecke von der Küstenstraße ab und schwenkt nach Norden zurück, geradewegs hinein in die Wicklow-Berge.

Dem Feld voraus

Zunächst geht es immer am umwaldeten Lauf des Avoca River entlang, vorbei an dem alten Goldgräberdorf Woodenbridge und den stillgelegten Kupferminen bei Avoca, zum berühmten Meeting of the Waters, dem Zusammenfluß der Wasser Avonbeg und Avonmore.

Über idyllische Straßen, die der Tour zuliebe gerade noch letzte Ausbesserungsarbeiten erfahren, ist rasch Glendalough erreicht, das Tal der zwei Seen, in dem der heilige Kevin im 6. Jahrhundert ein Kloster gründete.

Im 9. und 10. Jahrhundert fielen auch hier die Wikinger ein und veranlaßten die Mönche zur Erfindung einer der schönsten architektonischen Besonderheiten Irlands, des Rundturms, in den man sich bei Gefahr zurückzog.

Hinter Glendalough geht es die Paßstraße zum Wicklow Gap hinauf. Der Scheitelpunkt liegt auf 480 Metern, was sich nach wenig anhören mag - kurz vorher waren wir aber noch auf Meereshöhe.

Für das große Rennen wurden die Straßen neu hergerichtet

Wieder unten angelangt, verstrampele ich auf der National Road meine letzten Kräfte, vorbei am Poulaphouca-Reservoir (dessen Wasserfälle im Joyceschen "Ulysses" auftreten), und erinnere mich düster, in einem einschlägigen Führer gelesen zu haben, irische Autofahrer gingen rücksichtsvoll mit Radfahrern um und führen im weiten Bogen um diese herum. Bei mir tun sie's ganz und gar nicht, sogar Steinbruch-Lkw brausen in der Ortsdurchfahrt des Städtchens Blessington dicht an mir vorbei, das gar nicht so gesegnet wirkt, wie es heißt.

Und dann bin ich wieder in Dublin: die erste Etappe ist ein Rundkurs und führt alle Stadtflüchtigen wieder in die Metropole zurück. Ganz genauso ergeht's übrigens schon den Titelhelden in Samuel Becketts sarkastischem Roman "Mercier und Camier", in dem sich außerdem der Merksatz findet: "Das Fahrrad ist ein hohes Gut. Doch bei falschem Gebrauch wird es gefährlich."

Dem Feld voraus

Ein falscher Gebrauch ist es bei Beckett stets, wenn ein Fahrrad nicht seinen Fahrer befördert, sondern umgekehrt vom Besitzer transportiert wird: schiebend, tragend oder auch mit Bus und Bahn. Ebendies tut unbegreiflicherweise der Tour-de-France-Troß

nachdem man die erste Etappe praktisch verschenkt hat, indem man sie auf ihren Ausgangspunkt zurückbiegt, springt man nun gen Süden und beginnt die zweite Etappe in Enniscorthy in der Grafschaft Wexford.

So werde ich also meine private Zwischenetappe einlegen müssen. Sie führt mich wieder über die Berge auf jenem Weg, den Beckett in "Mercier und Camier" beschreibt: "Ein noch befahrbarer Weg verläuft quer über die Hochheide. Es ist der alte Heerweg. ... Das mit Heidekraut verkleidete Moor zieht einen an, mit einer Anziehungskraft, der Sterbliche schwer zu widerstehen vermögen.

Dann verschlingt sie das Moor, oder der Nebel sinkt herab."

Ich lasse mich nicht verschlingen und erreiche am Ende meines 120kilometrigen Zwischenspiels, das, unter uns gesagt, viel schöner ist als die offizielle Tour-Route, Enniscorthy im Tal des Slaney River.

Die Strecke nach Cork führt fast ausschließlich über große, verkehrsreiche Straßen, was bedeutet, daß es auch für mich nun mit der Geruhsamkeit vorbei ist. Schon lange vor New Ross, aus dessen Umland einst eine Familie Kennedy nach Amerika auswanderte, habe ich mich notgedrungen ans Abgasschlucken gewöhnt, und bei der Weiterfahrt nach Waterford jubiliere ich fast, weil ich nicht mehr über eine Schotterpiste bergan holpern muß wie vor genau zwanzig Jahren, als ich schon einmal per Rad hier durchkam. Überhaupt läßt sich über den Asphalt kaum meckern. Die Iren wollen sich nicht blamieren und haben alle Strecken für die Tour de France so präpariert, daß man die typisch irischen Schlaglochstraßen fast vergißt.

Ganz allmählich tauchen am Horizont die Comeragh Mountains auf, doch zuvor müssen wir noch durch Carrick-on-Suir, ein Kleinstädtchen, für das die Tour de France eigens einen längeren Umweg fährt. Der Grund ist weder die mittelalterliche Brücke über den Suir noch das einzige Tudorschlößchen in ganz Irland

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der Grund ist Sean Kelly, nachdem hier ein etwas schäbiger Platz benannt ist. Sean Kelly, wiewohl inzwischen nicht mehr aktiv, ist der berühmteste Radrennfahrer Irlands - noch vor Stephen Roche, der 1987 sogar die Tour-Gesamtwertung gewann.

Der Bauernsohn Kelly stammt aus dem Dörfchen Curraghduff, ein paar Kilometer südlich von Carrick. Als ich dort ankomme, weiß ich auch, woher Kelly seine Profikondition hat, denn zuvor sind in viertelstündiger Schinderei sehr unirische Serpentinen zu überwinden. Dieser mordsmäßige Anstieg ist die böse Überraschung auf dem Weg in das Küstenstädtchen Dungarvan. Die gute Überraschung liefern hingegen die Comeragh Mountains, wo die Strecke mich zwar an steilen Felswänden vorbeiführt, dies aber in so sanften Schwüngen, daß ich den Anstieg kaum merke. Um mich her blüht der Stechginster, Wälder spenden Schatten, Wasserfälle ergießen sich zu Tal - ich hätte Lust, mein Rad abzustellen und die Wanderqualitäten der Comeraghs zu überprüfen, auf der Suche nach dem Versteck des Highwayman William Crotty, der im 18. Jahrhundert hier eine Art Robin-Hood-Existenz führte.

Aber ich muß weiterstrampeln. Kurz vor Dungarvan bin ich wieder im Schwerverkehr der National Road, die unmerklich aufs Niveau des blitzenden Atlantiks hinabführt und jenseits der Stadt um so spürbarer wieder an Höhe gewinnt.

Der letzte größere Ort, der vor Cork passiert wird, heißt Midleton und ist ein 4000-Seelen-Kaff, das jedem gefährlich werden kann, der das mit der Schnapsidee meines Tour-Tests allzu wörtlich nimmt. Midleton ist nämlich das Zentrum der irischen Whiskeyproduktion

mehr Destillen als hier gibt es nirgendwo im ganzen hochprozentigen Lande.

Im brandenden Verkehr erreiche ich mit letzter Kraft endlich Cork, die zweitgrößte Stadt der irischen Republik. Von hier aus wanderten unzählige Iren aus

von hier aus nahm die Titanic Kurs auf Amerika

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von hier aus werden die Tour-de-France-Fahrer nach Frankreich übersetzen.

Für mich allerdings ist hier Schluß mit der Renntour, zumal ich keine Aussicht mehr auf eines der Siegertrikots habe und selbst als Wasserträger wohl nichts tauge: Fast neun Strampelstunden (zuzüglich Pausen) habe ich für die 205 Kilometer von Enniscorthy nach Cork gebraucht, die später die Rennfahrer in vermutlich nicht einmal fünf Stunden entlangflitzen werden.

So werde ich von Cork aus noch zwei Tage Richtung Südwesten strampeln, in gemütlichem Schneckentempo an der Küste entlang unter Vermeidung aller Hauptverkehrsstraßen, ganz so, wie man es jedem touristischen Radler nur raten kann, und die Zeit Zeit sein lassen.

Informationen:

Anreise: Über die zahlreichen Fähr- und Flugtarife unterrichtet das "Tarifdschungelbuch Irland", das für fünf Mark beim Irlandversand Fáilte, Anna-Vendenhoeck-Ring 36, 37081 Göttingen, Tel. 0551/911 42, Fax 912 74 zu erhalten ist. Das Mitnehmen von Fahrrädern auf Fähren ist problemlos.

Veranstalter: Geführte Rundreisen sowie Fahrräder zum Mieten für individuelle Touren gibt es bei The Bike Store, 58 Lower Gardiner Street, Dublin 1, Tel.00353-1/ 872 53 99, Fax 855 41 91). Aus Deutschland kann vorbestellt werden über Gaeltacht Irlandreisen, Schwarzer Weg 25, 47447 Moers, Tel.

02841/93 01 11, Fax 306 65.

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Radwanderführer: Bernhard Irlinger: Radtouren in Irland, Bruckmann Verlag, München 1993, 192 S. 44,- DM

Wolfgang Kettler: Irland per Rad, Kettler Verlag, Berlin 1992, 317 S., 24,80 DM.

Auskunft: Irische Fremdenverkehrszentrale, Untermainanlage 7, 60329 Frankfurt a. M., Tel. 069/923 18 50, Fax 92 31 85 88.