Durch eine tiefe Zäsur sind zwei polnische Welten voneinander geschieden: "Vorkrieg" und "Nachkrieg". Dazwischen liegt das nationale Trauma der Okkupation. Erst in den neunziger Jahren wurde in der Literatur die Beschäftigung mit der multiethnischen Vergangenheit der Grenzländer wie Danzig, Schlesien oder Ostgalizien möglich. In diesen Zusammenhang gehört der zweite Roman von Anna Bolecka, Jahrgang 1951. Wie es sich für einen Vorkriegsroman gehört, handelt er von Menschen, die seit Generationen ihren Platz in der Gesellschaft und in der Geographie nicht verändert haben.

"Meinen Urgroßvater habe ich nicht gekannt. Ich kam vierzehn Jahre nach seinem Tod zur Welt." Der Urgroßvater starb 1938: vierzehn Jahre, die große Zäsur.

Doch die Ich-Erzählerin, die nur kurz in Prolog und Epilog auftaucht, knüpft die Verbindung zwischen Vorkrieg und Nachkrieg mit den Mitteln der Imagination - unter Zuhilfenahme der eigenen, weitergegebenen Familiengeschichte. Die Kontinuität stellt sich her über die imaginäre oder visionäre Begegnung mit dem Bild, der Stimme, der Erscheinung eines alten Mannes: "Es ist der Mensch, der dir auf dieser Welt am nächsten ist. Ihr seht euch an. Du spürst, dies ist der Anfang der Welt. Deiner Welt."

Und so tritt "Urgroßvater", wie die Hauptfigur des Romans beharrlich und ausschließlich genannt wird, auf als Ahnherr der Gegenwart und gleichzeitig als deren Projektion in die Vergangenheit hinein. Um die für ein Phantasma sehr lebendige Gestalt dieses bäuerlichen Patriarchen herum kristallisiert sich die imaginierte Erinnerung, die Aneignung des Vorkriegs als "meine Welt".

Der "kleine Urgroßvater" taucht eines Nachts auf einem Dorffriedhof im Lubliner Land auf, ein hungriges, frierendes Waisenkind. Aufgezogen wird er schließlich von Verwandten, polnischen Bauern, in einem Ort, wo Polen, Ukrainer und Juden seit alters zusammenleben. Der jährliche Zyklus mit den unterschiedlichen Festen bestimmt das eintönige und arme Leben, das nur in Kriegszeiten aufgestört wird.

"Die Bewohner von Kuromeki hegten keine Abneigung gegen Fremde, denn niemand wußte genau, wer er wirklich war. Es war eine Welt an der Grenze zwischen dem russischen und dem österreichischen Teilungsgebiet. Katholiken, Lutheraner und Calvinisten kamen aus dem Westen, Orthodoxe, Unierte und Muslime aus dem Osten. Mittendrin saßen die Juden, anders in ihren Bräuchen, doch zu arm, um Haß auf sich zu ziehen."

Trotz seiner historischen Gründlichkeit und aufklärerischen Absichten will der Roman aber auf mehr hinaus als die bloße Vergegenwärtigung von Geschichte. Mit großer Ruhe erzählt er eine Biographie von so selbstverständlicher Authentizität, als habe der Alte seiner Urenkelin tatsächlich persönlichste Erinnerungen anvertraut: seine heimliche jahrzehntelange Liebe sein Mißtrauen gegen den aufrechten Gang der Menschen die Schattierungen von Glück und von Unglück, Liebe und Pragmatismus, die es in seinem Leben gegeben hat die Momente der Grausamkeit und der Zärtlichkeit. Von Wunderheilungen, archaischen Ritualen und jüdischen Festen ist da die Rede sowie vom Geschmack der Würste, von der Beschaffenheit des Schlamms, vom Geräusch der Pferdehufe, vom Sterben eines Weisen.