Es scheint so, als würde die kubanische Revolution durch die Macht des Faktischen auf ihre Anfänge zurückgeworfen. Damals, nach 1959, hatten die siegreichen Rebellen eine gewaltige Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten vorgenommen, um der sozialen Misere ein Ende zu bereiten. Dieser Kraftakt ließ die Symptome des Elends wie Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, Prostitution verschwinden. Und, was die Faszination des "Sozialismus unter Palmen" viele Jahre lang ausgemacht hat: Dieser fulminante Wandel hat auf der "roten Insel" die gerechteste Gesellschaft in Amerika entstehen lassen.

Heute nun mehren sich die Anzeichen dafür, daß die kubanische Revolution, "nach dem kurzen Sommer der Utopie", wie Alfred Herzka etwas wehmütig schreibt, Abschied vom Ideal einer egalitären Gesellschaft nimmt. Seit Mitte der neunziger Jahre findet eine neue Umverteilung statt. Diesmal zugunsten der happy few, die auf den legalisierten Märkten knappe, besonders begehrte Güter anzubieten haben und dabei üppige Gewinne machen können oder die vom Dollarfluß aus der Exilgemeinde in Miami profitieren. Die Kluft zwischen den wenigen Dollarbesitzern und der Mehrheit der Kubaner, die mit ihren wertlosen Pesos dem quälenden chronischen Mangel nicht entkommen können, wird immer tiefer. In den Augen von Herzka nimmt die soziale Apartheid zwischen "Neureichen" und Habenichtsen Züge einer "Zweiklassengesellschaft" an.

Einfühlsam und verständnisvoll beschreibt der Autor die "Härte des Alltags", gegen welche die Mehrheit der Kubaner und vor allem der Kubanerinnen im Zeichen einer "Kriegswirtschaft" zu Friedenszeiten anzukämpfen hat. Dabei bedrücken oftmals nicht einmal so sehr die materiellen Mängel, die von den Betroffenen fast so etwas wie ein logistisches Genie verlangen, um das Überleben, von Tag zu Tag neu, zu organisieren. Viel schlimmer ist es, daß sie dabei oft mit einem Bein im Gefängnis stehen, daß sie, wie Herzka schreibt, mitunter sogar stehlen müssen. Der Verfall der sozialen und politischen Moral ist unverkennbar.

An dem wirtschaftlichen Elend ist nach offizieller Version die US-Blockade "schuld". Aus ihr wurde eine "doppelte Blockade", als nach dem Untergang des "realen Sozialismus" die Entwicklungshilfe aus den einstigen "Ostblockstaaten" ausblieb und der Handel mit ihnen auf ein klägliches Quantum schrumpfte. Über die dritte, die "Selbstblockade" Kubas, wird indessen beredt geschwiegen: über die "alarmierende Fehlentwicklung in den neunziger Jahren, die scheinsozialistisch, frühkapitalistische und pseudorevolutionäre Elemente miteinander verschmilzt" (Herzka). Daß das exzentrische Hin und Her zwischen mehr Marktwirtschaft und rigoroserer Planwirtschaft die Entwicklung nicht gerade fördert, liegt auf der Hand. So mehren sich die "Degenerationserscheinungen". Die alten sozialen Übel kehren wieder, nicht zuletzt im Zeichen des Massentourismus, dem man die Insel sperrangelweit geöffnet hat. Dabei droht auch verlorenzugehen, worauf die Revolution immer besonders stolz gewesen ist: daß sie den Kubanern zu ihrer Würde, zum aufrechten Gang verholfen hat.

Der Autor hält, was er im Prolog verspricht, nämlich über die kubanische Wirklichkeit zu informieren. Es gelingt ihm mit einer Mischung aus Reportagen und Analysen, viele Facetten dieser inzwischen tristen Wirklichkeit zu zeichnen. Es ist ein farbiges Bild entstanden, wenn auch in manchen Kapiteln die Grautöne dominieren. Man merkt dem Autor die mittlerweile lädierten Sympathien für das einstmals so verheißungsvolle "kubanische Modell" an, speziell für solche Errungenschaften wie das bewundernswerte Bildungssystem und Gesundheitswesen. Daher auch sein wohltuendes Bemühen, Szenarien für einen friedlichen Übergang zur Nach-Castro-Ära aufzuzeigen.

* Alfred Herzka: Kuba Abschied vom Kommandanten? Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998

258 S., 19,80 DM