Washington

Vor fünf Jahren warnte Harvard-Professor Samuel Huntington davor, daß eine Welt ohne amerikanische Vorherrschaft "mit mehr Gewalt und Chaos und weniger Demokratie und Wirtschaftswachstum belastet wäre als eine Welt, in der die Vereinigten Staaten mehr Einfluß als jedes andere Land haben, um die globale Politik zu formen". Er hatte natürlich recht. Aber in jüngster Zeit hat Huntington sich der Masse von Wissenschaftlern und Auguren rund um den Globus zugesellt, die die "Arroganz" der amerikanischen Hegemonie verurteilen.

Ob eine Zeitung in Kairo, Paris oder Tokio erscheint, man kann sicher sein, daß auf ihren Kommentarseiten regelmäßig Forderungen nach einer "multipolaren" Welt erscheinen, die die amerikanische Dominanz begrenzen soll. Es scheint, als sei so etwas Ähnliches wie internationale Gerechtigkeit nur in einer Welt zu erreichen, die von einer Machtbalance zwischen relativ Gleichen gekennzeichnet ist.

Doch trotz all des Schimpfens über die Hegemonie, keine Nation wünscht wirklich echte Multipolarität. Keine Nation hat Bereitschaft gezeigt, gleichrangige Verantwortung bei der Beilegung globaler Krisen zu übernehmen.

Keine Nation war dazu bereit, die kurzfristigen Opfer auf sich zu nehmen, die die Vereinigten Staaten im langfristigen Interesse einer Erhaltung der globalen Ordnung leisten. Keine Nation, außer China, war dazu willens, das Geld für eine Militärmacht auszugeben, die notwendig wäre, um im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten eine größere Rolle zu spielen - und Chinas Aufrüstung wird von seinen Nachbarn nicht gerade als ein Beitrag zu einer harmonischen Umgebung gesehen.

Länder wie Frankreich und Rußland scheuen sich nicht nur vor den Kosten, die die Schaffung und Erhaltung einer multipolaren Welt mit sich brächten, sie haben auch guten Grund, die geopolitischen Konsequenzen einer Zerstörung der amerikanischen Hegemonie zu fürchten. Echte Multipolarität würde unausweichlich eine Rückkehr zu den komplizierten strategischen Fragen bedeuten, die die Welt vor dem Zweiten Weltkrieg belasteten: in Asien der Wettkampf um die regionale Vorherrschaft zwischen China, Japan und Rußland

in Europa die Konkurrenz zwischen Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Rußland.