Was erwarten wir von Romanen? Daß sie das Dasein erhellen, selbst wo sie dunkel sind. Daß sie ein Ganzes geben auch, wo sie es verweigern. Synthesen, Fügungen, Sinn, den die Form erstellt - anders als die dauernden Vorläufigkeiten in der Wirklichkeit, "jenem ungeordneten Land, dem des Zufalls mit seinen wilden Strandlinien ... Das wilde Land, in dem es weh tut."

Kerstin Ekman ist eine große Dame der schwedischen Literatur. Als ihr erstes weibliches Mitglied verließ sie die Schwedische Akademie aus Protest gegen die politische Feigheit im Fall Salman Rushdie. Ihre Romane stellen Fragen an eine Welt, deren Ordnung auf Verfolgung, Leid und Gewalt beruht. Was ist Hoffnung? "Wer hofft", heißt es, "wäscht sich die Füße und begräbt seine Toten." Und liest Romane.

"Zum Leben erweckt" - 600 Seiten, acht Haupt- und viele Nebenfiguren, lebende und tote, Schauplatz: Stockholm, Zeit: ein Winter, der in Bosnien und anderswo zu den Kriegswintern gezählt wird - ist ein dunkler Roman. Die Fragen, die er nicht beantworten kann, stellt er (wie Rushdie) in einem vielstimmigen, perspektivischen Gedanken- und Geschichtengewebe. Doch im Gegensatz zu dem hitzigen, schrillbunten und manichäischen Werk Rushdies ist Ekmans Schreiben kühl, düster und abwägend: eine so behutsame wie unerbittliche Widerlegung des heilskündenden Titels.

Oda ist über achtzig, kränklich und zickig. Mit Beständigkeit trauert sie um ihren Mann, Johan Krylund, der als schwärmerischer Humanist einen Gesprächskreis leitete - nach dem Vorbild des "Krilon"-Romans von Eyvind Johnson. Die Protokolle der "Krilon-Gespräche" fallen der 31jährigen Sigge, die eine Dissertation über Johnson schreibt, in die Hände. Sigge, "nicht gerade eine Anhängerin der Wirklichkeit", ist ergriffen davon, daß hier echte Menschen sprechen. Der "Krilon"-Roman ist eine Software anderer Art, eine "Aufnahmemembran", so empfindlich, daß sie "im Text selbst das Verlangen nach all dem weckt, was dort nicht erzählt werden konnte". Was ist Wirklichkeit?

Blenda, warm und rundlich und vom Leben gebeutelt, wird gebeten, einen aus Afrika eingeschmuggelten Seidenstoff zu restaurieren. Silvia ist schick und gebildet. Ihr erzählt Blenda von den in einer verwahrlosten Wohnung verbrachten Nachmittagen, an denen sie am Ende des jahrtausendelangen, blutverklebten Fadens der Seidenraupe haspelt. Silvia läßt sich von Blenda in die Wohnung schleusen, betrachtet den Stoff, die neuerschaffene Vergangenheit, und vergißt die Gegenwart. Was ist Geschichte?

Ulla Häger geht mit Kajan zu Sigges Rigorosum. Kajan legt beim Zubettgehen die Taschenlampe bereit, gegen die Angst. Als Kajan Blenda im Handarbeitsunterricht vertritt, nähen Skinhead-Schüler eine Hakenkreuzfahne auf Kajans Platz liegt ein Davidstern. Kajan steckt ihn an und beginnt zum ersten Mal in ihrem Leben zu erzählen. Danach antwortet nur noch ihr Anrufbeantworter. "Jetzt muß ich hier allein umhertrotten", denkt Ulla. "So dasitzen. Ohne Gedanken im Grunde. Ohne Zeit. Denn so ist es immerzu." Was ist Leben?

Manchmal treffen sich die Frauen bei Oda, die damit die Erinnerung an Johans Gesprächsrunde zelebriert. Oder ist es doch nur ein lächerliches Damenkränzchen? Durchs Fenster fällt der Blick auf das Haus, das Johan gekauft hatte. Jetzt steht nur noch eine Gefriertruhe im Keller. Auch Oda ist eine Übriggebliebene, im Innern die Traumlandschaften der verbra(u)chten Lebenszeit und eine konservierte Liebe, vor Augen die Fernsehbilder: "Ich gucke zu, wie Kronos seine Kinder verschlingt. Das dauert lange." Was ist Zeit?