Es ist der 10. Juli 1898: Unter dem Kommando von Capitaine Jean-Baptiste Marchand erreicht eine völlig erschöpfte Streitmacht von einigen französischen Offizieren und einer guten Hundertschaft Senegalesen den kleinen Handelsstützpunkt Faschoda am Weißen Nil im südlichen Sudan. Hinter ihr liegt ein Gewaltmarsch von Französisch-Kongo, der alle Kraftreserven aufgebraucht hat. Was läge näher als die Vermutung, die Truppe habe den abgelegenen Stützpunkt nur als Rastplatz gewählt, um sich von den Strapazen zu erholen? Doch Faschoda ist nicht Etappe, sondern Ziel, und so zögert Capitaine Marchand keinen Augenblick, seinen Auftrag zu erfüllen. Als Vertreter seiner Regierung läßt er die Trikolore hissen und nimmt so das angeblich "herrenlose" Gebiet für Frankreich in Besitz. Ein Hoheitsakt unter glühender Sonne.

Neun Wochen später ist die Lage der neuen Herren allerdings kritisch geworden, da Verpflegung und Munition zur Neige gehen. Kritisch wird es auch im politischen Sinne, denn Horatio Kitchener tritt auf den Plan. Am 18.

September trifft der legendäre britische General mit fünf Dampfkanonenbooten und 1300 Soldaten in Faschoda ein. Kitchener fordert Marchand auf, den Ort zu räumen, doch der Franzose weigert sich. Als der frostige offizielle Wortwechsel vorbei ist, ordert der Brite Whisky, und bald sind die beiden Militärs im besten Einvernehmen. Kitchener fährt wieder ab, läßt aber in Faschoda ein Kanonenboot und 600 Soldaten zurück. Er informiert seine Regierung und erklärt in dem Telegramm, Marchands Position sei "ebenso unhaltbar wie lächerlich".

Daß dieses unbedeutende Faschoda - es läßt sich, 1904 in Kodok umbenannt, heute in keinem Atlas mehr entdecken - zum Inbegriff einer internationalen Krise werden sollte, macht deutlich, wie nervös die Tektonik der Kolonialpolitik auf jede Veränderung reagierte. Monatelang beherrschte dieser weltenferne Flecken die Schlagzeilen der internationalen Presse, denn ausgerechnet hier überschnitten sich die Expansionslinien zweier Großmächte.

Der französische Vorstoß in den Südsudan galt einem doppelten Ziel: Zum einen sollte von den west- und mittelafrikanischen Kolonialgebieten eine Verbindung zur Ostküste hergestellt werden, wo Frankreich bereits den Stützpunkt Dschibuti eingerichtet hatte. Zum anderen, und vor allem, versuchte das Pariser Kolonialministerium mit Faschoda als einer Art Faustpfand die ägyptische Frage neu aufzurollen. Im Kolonialministerium und in den entsprechenden Interessentenkreisen spekulierte man auf eine internationale Konferenz, von der man sich eine für Frankreich günstige Neuregelung der ägyptischen Staatlichkeit erhoffte. Ägypten war und blieb zwar formell eine autonome Provinz des Osmanischen Reiches, doch daß die Briten dort 1882 mit Waffengewalt ein Protektoratsregime errichtet und damit dieses Land dem kolonialen Zugriff Frankreichs entzogen hatten, war in Paris unvergessen.

Den Briten war zwar bekannt, daß Marchand zu einer Expedition aus dem Herzen Afrikas in den Sudan (der seit 1819/22 zu Ägypten gehörte) aufgebrochen war, doch nie hatten sie damit gerechnet, daß er sein Ziel erreichen würde. Zu mörderisch war das Klima, zu unberechenbar das Verhalten der kriegerischen Bevölkerung. Desto überraschender war es, als den Briten in Khartum, der sudanesischen Hauptstadt, ein Emir meldete, er habe in Faschoda nicht nur schwarze Soldaten entdeckt, die von europäischen Offizieren befehligt würden, sondern auch eine Fahne, die er noch nie gesehen habe. Anhand der Beschreibung erkannten die Engländer sofort, daß es sich hierbei nur um die Trikolore handeln könne.

Kitchener erreichte diese Nachricht am 3. September 1898, einen Tag nach der Schlacht bei Omdurman, in der er als Sirdar (Oberbefehlshaber) eines britisch-ägyptischen Expeditionskorps das Heer der Mahdisten endgültig vernichtet hatte. Mohammed Ahmed, dem Mahdi (Messias), einem religiösen Führer, war es zu Beginn der achtziger Jahre in einem Aufstand gelungen, die ägyptische Oberhoheit über den Sudan abzuschütteln. Daß das riesige Land - es ist siebenmal so groß wie Deutschland - seit dem Tod des Mahdis von Abdullah ibn Saijid Mohammed regiert wurde, hatte Großbritannien als "Schutzmacht" Ägyptens nicht ruhenlassen: 1896 war Kitchener mit seinen Truppen einmarschiert. Es kam zu Kämpfen, die in einer Metzelei ohnegleichen am 2.