Die Wahrscheinlichkeit, daß einer, der sich in Gefahr begibt, darin umkommt, ist ziemlich groß. Horst Ehmke, der sich aufs Gefahrenpflaster des Polithrillers begeben hat, wird das erspart bleiben - zumal jede Ähnlichkeit mit lebenden und sich rächenden Personen rein zufällig wäre. Doch warum beschäftigt sich ein hochkarätiger Politmensch wie Ehmke schriftstellernd mit der organisierten Kriminalität?

Geld kann der Grund nicht sein, als Politpensionär ist Ehmke bestens versorgt. Es kann nur die Lust am Fabulieren sein, die ihn zu "Global Players" bewog, bei Eschborn verlegt. Ein wohlwollender Lektor hätte energischer dazwischengehen müssen, schon wegen der guten Namen von Autor und Verlag. Die anhaltende Spannung, die Exaußenminister Hans-Dietrich Genscher als publicityträchtiger Testleser fand, ist nur bedingt nachvollziehbar. Der Rezensent liest mehr aus Neugier und Sympathie zum Autor zu Ende denn aus Interesse am Ausgang. Der Plot - die Ermordung eines deutschen Innenministers - ist überhaupt nicht schlecht. Was hätten Grisham und gar erst Eric Ambler daraus gemacht? Hält man bei denen den Atem an, läßt "Global Players" Verschnaufpausen zu, in denen man sich ärgert - über oft unstimmige Dialoge oder das überflüssige erotische Beiwerk. Aber ein Erstling darf mit Nachsicht rechnen. Nur: Vorsicht bei Fortsetzung!

So gewalttätig wie die mafiosen "Global Players" sind die Handelnden im Erstling von Otto Ulrich nicht, auch wenn im Bonner Kanzleramt schon mal Maschinenpistolen gegen eindringende Menschenmassen in Anschlag gebracht wurden. Nach einer großen Massendemo über die verfahrene Bonner Politik entlädt sich der zunächst friedliche Volkszorn doch noch. Bonn steht vor dem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall in der Geschichte des politischen Protestes. "Der Staatsbesuch" heißt der halb utopische, halb satirische Roman, mit dem Ulrich, ein Bonner Beamter mit fundiertem Insiderwissen, "Oktaven einer neuen Politik" setzen will. Illusionen einer vielleicht schönen neuen Welt, die sich eine "gentechnisch optimierte Informationsgesellschaft" schaffen kann oder auch nicht - sicher nicht mit den Technokraten des Zukunftrates, der gerade im Kanzleramt tagt, derweil draußen demonstriert und hoher Staatsbesuch erwartet wird. Ein literarisch hübsch verpacktes Plädoyer für einen Politikwechsel grundlegender Art, erschienen im Fouqué Verlag.

Ulrich stellt der kalten Informationgesellschaft Bonner Zukunftstechnokraten einen optimistischen Gegenentwurf gegenüber - die Gesprächsgesellschaft, deren Sozialprinzip die Verständigung ist. Die wichtigste Parole der demonstrierenden Massen lautet: "Wir wollen eine höfliche Zukunft." Weshalb eigentlich nicht. Die Renaissance brauchte auch Zeit, bis sie das Mittelalter los war. Vorerst machen konventionelle "Global Players" nach Horst Ehmke Auflage, nicht Politvisionen nach Otto Ulrich. Vielleicht hätte Ulrich seine Zukunft, statt sie in Bonn anzusiedeln wie Ehmke den Ministermord, ins Berlin der Zukunft verlegen sollen - unter Großer Koalition, irgendwann im Jahr 2000 plus x.