Als vor fünf Wochen der ICE 884 bei Eschede entgleiste, gegen eine Brücke raste und hundert Menschen in den Tod riß, war die Aufregung groß: Wie konnte das geschehen? Hat die Bahn geschlampt? Was ist zu tun, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen?

Als die grüne Verkehrspolitikerin Gila Altmann vor wenigen Tagen die bekannte Forderung ihrer Partei nach einem allgemeinen und strengeren Tempolimit auf Deutschlands Straßen in Erinnerung brachte, war die Aufregung wieder groß: Abstrus, obrigkeitsstaatlich, fortschritts- und bürgerfeindlich, schallte es von einer großen Koalition aus CDU, CSU, FDP, SPD und Automobilverband durchs Land. Obwohl die Freiheit auf Deutschlands Straßen alle vier Tage einen Blutzoll von den Ausmaßen der Eschede-Katastrophe fordert, obwohl sie stündlich fast sechs Menschen zu Krüppeln macht und jedes Jahr mehr als 500 000 in Mitleidenschaft zieht, kanzelte der SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder die Forderung der Grünen als "Griff nach alten Hüten" ab. Und Verkehrsminister Matthias Wissmann lokalisierte den Ursprung der Idee in der "ideologischen Klamottenkiste" - als seien Amerikaner, Japaner, Franzosen, Italiener und all die anderen Nationen mit Tempolimits arme Irre. Die Politiker der Mitte machen sich zu Bütteln der Asphaltlobby.

Ein Tempolimit rettet Leben, schont die Umwelt, verringert die Staugefahr, kostet nichts, wirkt sofort und könnte sogar Wählerstimmen bringen: Immerhin noch 55 Prozent der Bundesbürger wollen generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen, 81 Prozent mehr Tempo-30-Zonen in Wohngebieten.

Es muß ja nicht unbedingt, neben dem Regellimit von 30 Stundenkilometern in Ortschaften und 80 auf Landstraßen, Tempo 100 auf Autobahnen sein

eine europaweit harmonisierte Verkehrspolitik und die Akzeptanz der Autofahrer sprächen eher für 120 oder 130 auf jenen letzten rund 7000 Kilometern Autobahn, auf denen der Staat noch die Lizenz zum Gasgeben gewährt. Dafür hatte sich im übrigen bereits Bundespräsident Roman Herzog stark gemacht, als er noch Präsident des Bundesverfassungsgerichts war. Und auch der Unternehmensberater Roland Berger - wohl unverdächtig, dem Standort D Schlechtes zu wollen - hat längst erkannt, daß "unser gegenwärtiger, mit unbegrenzter Mobilität und Geschwindigkeit verbundener Freiheitsbegriff fragwürdig geworden ist". Physik, Psychologie und Ökonomie sprechen allemal für niedrigere Geschwindigkeiten.

Geringeres Tempo läßt den Autofahrern in brenzligen Situationen schlicht mehr Zeit zum Reagieren, verkürzt die Bremswege und vermindert so die Zahl der Karambolagen

gleichzeitig nimmt ihre Schwere ab, weil die Aufprallgeschwindigkeit sinkt. Zwar sträubt sich die Raser-Fraktion gegen diese naturwissenschaftlichen Gesetze mit dem Argument, hiesige Autobahnen seien auch ohne Tempolimit die sichersten Straßen der Welt