Drei Monate nach dem Friedensabkommen steht Nordirland wieder in Flammen.

Kirchen brennen. Pioniereinheiten heben Gräben aus und ziehen Stacheldraht.

Schwerbewaffnete Polizisten trennen Katholiken und Protestanten. Der Traum vom Frieden verflüchtigt sich.

Auf dem an alle nordirischen Haushalte verschickten Friedensvertrag stand: "Es geht um Ihre Zukunft. Lesen Sie dieses Dokument sorgfältig." Beim genauen Hinsehen aber stellt sich dann heraus, daß der Vertrag ein nordirisches Kernproblem ausklammert - die Konfessionsschulen. Kein Wort zum Thema Erziehung, obwohl die überwältigende Mehrheit der Nordiren von Kindesbeinen an getrennte Wege geht. Der Friedensvertrag tastet weder das Vorrecht der katholischen Kirche auf die Indoktrination ihres Nachwuchses an noch die Kontrolle der Protestanten über die von Education and Library Boards verwalteten Staatsschulen. Der einzige Satz zum Thema, auf Druck der Sinn Féin - des politischen Flügels der IRA - eingefügt, sieht die Ergänzung der religiösen Spaltung durch eine ethnische Komponente vor: die gälischen Schulen.

Gälisch, eine seit den zwanziger Jahren in Nordirland nicht mehr gesprochene Sprache, ist seit dem 19. Jahrhundert ein emotionsbefrachtetes Symbol des irisch-katholischen Nationalismus. Alle wichtigen Parteien, die das Karfreitagsabkommen unterzeichneten, ob Sinn Féin, die gemäßigt katholische SDLP, die gemäßigt protestantische Ulster Unionist Party oder die das Abkommen ablehnenden Presbyterianer des Reverend Iain Paisey, sind sich einig im Widerstand gegen eine Schmälerung der Macht der Kirchen im Schulunterricht. Tony Blair will das heiße Eisen nicht anfassen. In einem vom Nordirlandministerium im nüchternen Britannia-Stil gestalteten Faltblatt heißt es forsch, das Erziehungswesen habe sich "als Quelle der Stabilität" erwiesen.

1981 gab die Sunday Times eine Meinungsumfrage in Auftrag: "Sind Sie dafür, daß katholische und protestantische Kinder in dieselben Schulen gehen?". 72 Prozent der Nordiren antworteten mit "ja" - ziemlich genau dieselbe Prozentzahl, die dem Karfreitagsabkommen ihre Zustimmung gab. Im gleichen Jahr öffnete eine Elterninitiative unter dem Namen "Alle Kinder gemeinsam" eine erste integrierte Schule. Heute gehen gerade zwei Prozent der Kinder in gemischt-religiöse Schulen. Sogar ein Vorhaben, Kinder einer katholischen und einer protestantischen Schule in derselben Kantine zu versorgen - zu verschiedenen Zeiten, damit sie ja nicht in Berührung kämen - scheiterte.

Offiziell allerdings gibt es weder protestantische noch katholische Schulen.