Wuppertal

Das habe ich oft gehört: daß Rentner keine Zeit haben. Das andere auch: daß nur wenige Freunde bleiben, wenn man kein Amt mehr hat und nicht mehr in der Zeitung steht - "aus den Augen, aus dem Sinn". Deshalb werde ich oft scheinbar damit getröstet, daß mir ja Funktionen bleiben und daß andere noch hinzukommen werden, daß jetzt endlich Zeit für die lange vernachlässigte Familie sei und daß ich das Leben ganz neu entdecken würde.

Wie sieht der Alltag aus, ist das Leben ein Fest geworden und die Familie eine Wagenburg? Oder sitze ich da und "gedenke der vorigen Zeiten" und der womöglich verpaßten Gelegenheiten? Ich soll erzählen von sechs Wochen, von den ersten sechs nach zwanzig Jahren als Ministerpräsident und nach achtundzwanzig am Kabinettstisch, erzählen von Tun und Lassen, Denken und Fühlen, Halten und Loslassen. Leide ich unter "Entzug", bin ich in das sprichwörtliche "tiefe Loch" gefallen, oder schreite ich gelöst über die Höhenzüge des Lebens und investiere die Pension in Lebensqualität?

Ich erinnere mich daran, einmal jemanden nach seinem "Befinden" gefragt zu haben, der halb so lange Regierungschef gewesen war wie ich und nun eine andere öffentliche Aufgabe wahrnahm. "Man liest die Zeitung ganz anders!" war seine erste Antwort: interessiert, aber nicht bedrängt, neugierig, aber nicht "auf dem Sprung" und mit dem Griff zum Telephonhörer. Das schafft Distanz und genaueren Blick. Ich erkenne Themen, bei denen ich verschüttetes Interesse entdecke, zu denen ich mir Literatur beschaffen oder aus den ungesichteten Beständen heraussuchen muß. Ich muß zuerst die Akten und dann die Gedanken sortieren, und ich muß denen schreiben, die den Weg mitgegangen sind und die jetzt Grüße sagen, Erinnerungen auffrischen und Rat geben. Und ich darf nicht vom Weg abkommen:

Hielte ich alle Reden, zu denen ich jetzt gebeten werde, wäre ich täglich in Wahlveranstaltugnen und bei Jubilarehrungen, auf Parteitagen und Missionsfesten, bei Volkshochschulen und Wohlfahrtsverbänden, Kirchentagen und Kongressen. Ich hätte keinen freien Tag und kein privates Leben mehr.

Schriebe ich die Erinnerungen und Anekdoten auf, nach denen mich renommierte Verlagshäuser und kleine, phantasievolle Verleger fragen, wären alle Freiräume gefüllt mit Auftragsarbeiten. Also sage ich jetzt nichts zu, was bedacht sein will, auch wenn das das Bild des Zögerers und Zauderers verfestigt, an dem manche so gern und liebevoll gemalt haben.

Ich darf nicht vom Weg abkommen: Darum rate ich nur, wenn Rat erfragt wird, darum kommentiere ich nichts, für das ich verantwortlich oder mitverantwortlich war. Ich werde zwar damit auch manches Lob nicht los und kann manche Ermutigung nicht geben, aber ich will nicht das Gefühl vermitteln, ich mischte "im Hintergrund" mit. Wer von der Bühne geht, soll nicht zum Kulissenschieber werden.