Dankbarkeit und Zuversicht, Unsicherheit und Neugier, aber auch Stolz auf das Vorangebrachte machen fröhlich. Distanz schärft den Blick auch für das Verfehlte, nicht Erreichte, vielleicht gar Mißlungene. Daß ich die Menschen mag, daß politisches Handeln mir nie zuerst Konstruktion von Gedankengebäuden war, immer Verbesserung der Lebenschancen anderer Menschen sein sollte, das habe ich oft gesagt und hoffentlich gezeigt. Das bleibt als Auftrag, das reizt mich täglich. Daß die Kraft des Wortes, die Wirksamkeit des Gesprächs auch in der Politik wichtiger ist als die Meldung oder gar die Schlagzeile, das habe ich gesagt und das lerne ich neu. Jetzt schmunzele ich manchmal, wo ich mich früher geärgert habe

mich fasziniert, was früher am Rande zu liegen schien. Ein neuer Rhythmus muß Gestalt gewinnen: schlafen und wachen, ruhen und arbeiten, spielen und nachdenken, zuhören und antworten.

Was kommt, was wird, was bleibt? Neugier verbietet Endzeitstimmung, die Probleme und Chancen der Welt und des Alltags verhindern Schläfrigkeit.

Allmachtsgesten und Ohnmachtsgerede sind nicht erlaubt, wenn die eigene Glaubwürdigkeit nicht auf der Strecke bleiben soll. "Den einen Tag hat uns Gott verborgen, damit wir achthaben auf alle Tage", sagt Augustinus. Was für ein Tag heute!

* Johannes Rau, Ministerpräsident a. D., ist Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen und stellvertretender Parteivorsitzender der SPD.