Hamburg Den Ossi wirst du nie los, der bleibt immer an dir hängen, sagt mir eine nette Kollegin. Und weil das so ist, wollte sie mich nach Schneeberg in Sachsen verschicken, wo sich neulich Ostdeutsche zusammenfanden, um Ostmusik zu hören, FDJ-Hemden zu tragen und die DDR noch einmal aufleben zu lassen.

Ein bunter Bericht sollte dabei herauskommen über Ostdeutsche und Heimatgefühle.

Ich will nicht nach Schneeberg. Ich bin mal in so eine Ostfeier hineingeraten, 1993 in Leipzig. Das Reudnitzer Bier war gut. Es gab Musik von Stern Meißen und vom Oktoberklub, und einer mit Hut und grauem Jackett machte uns den Honecker. Ich erkannte die sozialistischen Phrasen wieder, und mir wurde klar, daß es gewisse Lieder gibt, die ich leider wohl in zehn Jahren noch auswendig kennen werde. Trotzdem - das war nicht mein Fest. Irgend etwas stimmte nicht. Weil sich kein Gefühl einstellen wollte von Gemeinschaft? Weil ich auch das wiedererkannte, diesen Versuch, mich auf genau solche Gefühle einzuschwören? Ich weiß es nicht. Ich habe mich selten so heimatlos gefühlt wie auf dieser Party.

Was soll ich also in Schneeberg? Wenn schon, würde ich nach Hoyerswerda fahren, wo ich sechzehn Jahre lang zu Hause war. Vielleicht ließe sich dort eine Antwort finden auf die Frage, warum ich Ossi-Treffen nicht mag und warum mir zu Heimat kein Ort einfallen will.

Auch in Plattenbausiedlungen kann man von der großen weiten Welt träumen. In Hoyerswerda träumte ich gern von einem Flug ins All. Von dort sah ich die ganze Erdkugel. Mein Land - ein winziger Klecks da unten. Und so vieles, was ich nie sehen würde, dachte ich damals.

Ich erinnere die nächtlichen Gespräche über Flucht oder einen Ausreiseantrag.

Halbherzige Pläne allesamt, solange ich mir noch Perspektiven in der DDR einreden konnte. Mit neunzehn Jahren die Ernüchterung - weil sicher war, ich würde keine Journalistin werden. Ich würde meinem kleinen Land nicht als Auslandskorrespondentin entkommen können und dennoch zurückkehren dürfen, wann immer ich wollte. Wie naiv, Pläne ohne die Partei zu machen! Es war 1988 leicht, nein zu sagen zur SED, aber nicht so leicht, die Konsequenzen zu tragen die Fahrten im Schichtbus jeden Morgen um halb sechs, zum Beispiel, in den Braunkohletagebau. Wie sollte Hoyerswerda meine Heimat sein können?