Einerseits muß unsere kostbare Jugend dringend vor den Gefahren der argen Welt geschützt werden, das ist gar kein Thema: Unsere Nachkommen verfügen zwar, täglich mit 4000 Kalorien gestopft, mit ranken Dreizehn über einen geschwollenen Bizeps. Dem widersteht rein nichts, wenn sie den Baseballschläger spielen lassen, die einschlägige Mütze verkehrt auf dem Blondkopf, um kurz und klein zu kloppen, was deutscher Fleiß gebaut (oder eine ausländische Fresse) hat. Es ist uns ein geistig-sittliches Bedürfnis, die lieben Kleinen, auch wenn sie ein Meter fünfundachtzig messen, im Kindergarten der Nation zu hegen, zu pflegen, zu herzen, zu kosen - kurz, vor den Fährnissen des Lebens zu bewahren, die sie allenthalben und nun auch via Internet umschwirren.

Darin waren sich die Jugendminister der Länder bei ihrer kürzlich stattgehabten Konferenz in Kassel völlig einig. Ein Pilotversuch fischte Nacht um Nacht "zweihundert Verdachtsfälle" von "möglicherweise jugendgefährdenden, etwa pornographischen oder gewaltverherrlichenden Angeboten" aus dem World Wide Web.

Dagegen gilt es einzuschreiten, damit die unschuldigen Jungsurfer nicht aus den moralischen Kurven getragen werden, obschon unsere empirischen Erfahrungen eher darauf hinweisen, daß ihnen - im Gegensatz zu Ministern und wohlmeinenden Eltern - so leicht nichts vorzumachen ist. Gleichviel: Der Ruf nach Zensur und Selbstzensur verhallte nicht ungehört. "Die Bereitschaft der Anbieter", lasen wir, "anstößige Angebote aus dem Netz zu nehmen", sei größer, "als es die Politiker zunächst erwartet hätten".

So ist es recht: Die elektronischen Schweinepriester beugten sich der Verantwortung, und wir lernten einmal mehr, daß die schönste Freiheit nur soviel taugt wie die Zensur, die sie aufhebt. Das ist nicht der Kern des Problems. Einerseits, sagten wir, muß der Jugendschutz rund um die Uhr und für alle Lebenslagen entwickelt werden. Andererseits läßt es sich leider nicht leugnen, daß unsere Herzchen dazu neigen, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Sie füllen sich ab, dann machen sie platt. Sie kiffen sich high, dann räumen sie ab. Sie flippen aus und legen sich flach. Kurzum, die Jugendkriminalität steigt bedenklich. Die Minister aber befanden, ganz im Dienste der Menschlichkeit und Vernunft, daß "verstärkte Repression ... keine Lösung" sei - "nicht die alleinige Lösung", wie die Christdemokratin Schavan aus Stuttgart eilig hinzufügte, denn "Baden-Württemberg halte" sehr wohl "Einrichtungen bereit, um straffällige Jugendliche ... geschlossen unterzubringen".

Muß das sein? Die versammelten Minister versagten sich der Einsicht nicht, daß es vorzubeugen, statt zu strafen gelte: Kinder und Jugendliche müßten "früher und umfassender als bisher an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen" beteiligt werden. Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein eilten, wie wir wissen, entschlossen voran und senkten das Wahlalter (für die Berufung der Gemeinderäte) auf sechzehn Jahre. Eine Hamburger Senatorin ging, man erinnert sich, noch einen Schritt weiter und forderte das Kinderwahlrecht, stellvertretend von den Erwachsenen auszuüben.

(Was aber, wenn Mami zu den Grünen, Papi zu den Roten oder den Schwarzen neigt?) Die zuständige Ministerin aus Kiel legte dar, daß der Vandalismus unter Jugendlichen dort abgenommen habe, wo sie an Planungen beteiligt worden seien.

So wollen wir denn nicht zögern, unseren lieben Sprößling Kevin, obschon er in Mathe und Geometrie eine glatte Null ist, für den Bauausschuß zu nominieren. Über die Restaurierung des Berliner Schlosses soll das Kinderparlament der Hauptstadt entscheiden, so auch über das Holocaust-Monument, damit künftige Sachbeschädigungen unterbleiben. Zurück mit der Politik in die Windeln! Wer behauptet, die Ministerseelen seien vom Milchschorf befallen, outet sich als zynischer Grufti und sollte sich schämen: Ab in die Ecke!