Ein weißes Traumschiff mit Sonnendeck und eleganten Liegestühlen.

Brangäne blättert leger in Illustrierten, und ein junger Seemann serviert Cocktails. So fährt Isolde nach Cornwall: Hell und luxuriös ist ihre Umgebung, dunkel ihr Herz. An der Reling steht die Verratene in einem weißen, mit roten Blumen verzierten Brautkleid. Aber der Fahrtrichtung kehrt sie trotzig den Rücken. Fragt wütend: "Wer wagt, mich zu höhnen? Brangäne, du?"

und meint doch vor allem den Krieger, der sich im Kapitänszelt nebenan naß rasiert - Tristan. Später, wenn er, den Rasierschaum noch halb im Gesicht, Isolde zum ersten Mal begegnet und sie Rache für ihren ermordeten Verlobten Morold fordert, drückt er ihr das Rasiermesser in die Hand und dann gefährlich nah an seinen Hals: "... und führ es sicher und fest, daß du nicht dir's entfallen läßt."

Ganz nah ran an die Figuren, ganz unmittelbar ihren Motivationen auf die Spur kommen, ganz konkret eine Welt und ihre Bedingungen entwerfen - das ist der Ansatz, mit dem sich Peter Konwitschny und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker in München an "Tristan und Isolde" gewagt haben. Keine Selbstverständlichkeit für ein Stück, das allem Irdischen entrückt scheint, das eine äußere Handlung kaum kennt und fast ausschließlich von einer Dramaturgie entfesselter Emotionen lebt. Im "Tristan" drängt alles - nicht nur musikalisch - zu Auflösung, Übersteigerung, Entgrenzung. Patrice Chereau hat ihn einmal als Hörspiel bezeichnet, zweifelnd, ob sich an dem Werk überhaupt etwas inszenieren ließe. Dementsprechend haben in letzter Zeit nicht wenige "Tristan"-Regisseure, von Achim Freyer in Brüssel bis zu Günther Krämer in Köln, den Schwenk in die Totale der optischen Abstraktion bevorzugt. Wobei Heiner Müller und Erich Wonder in Bayreuth die Spannung zwischen szenischem Stillstand und musikalischer Raserei bisher am extremsten auskosteten.

Konwitschny und Leiacker gehen einen anderen Weg: Sie versuchen Suggestivkraft aus der Konkretion dieser Liebesgeschichte zu entwickeln. Von "Tristan und Isoldes" Nacht-Traum-Todes-Taumel wollen sie verblüffend wenig wissen, Schopenhauers Weltendunkel liegt allenfalls über der Musik. Für Konwitschny ist die Oper vielmehr ein hoffnungsvolles, helles und freundliches Stück. Nicht mit todesmüden, sondern mit lebenssüchtigen Helden.

Naiv und unverbrüchlich glaubt er an die Liebe des Paares - im Gegensatz zu Heiner Müller, der in der Beziehung Autismus und suggestive Selbstberauschung dominieren ließ.

Bei Konwitschny liegen sich Tristan und Isolde bereits in den Armen und gehen sich fiebrig an die Wäsche, bevor sie den ominösen Liebestrank überhaupt getrunken haben. Ihre Liebe braucht keine manipulierenden Essenzen. Das Gift als Placebo: Brangäne hat die schwarze Phiole - keine Macht den Drogen - kurzerhand über die Reling gekippt und serviert den beiden die Cocktails pur.