Da hatte eine kleine Runde hochbezahlter Marketingler nun Stunde um Stunde zusammengehockt der Brainstorm wollte nicht mehr pusten an neuen Vorschlägen wehte nur noch Langweiliges auf den Tisch: "Lätal". "Arriva".

Oder gar "Renna". Sollte so die neue Halbfettmargarine heißen? Wo blieb das Geniale, Einmalige, das Unerhörte? Plötzlich sprang einer der Kreativen auf und rief, ja schrie fast in den Raum: "Du darfst!" Man sah sich an und war ergriffen. Diese persönliche Ansprache! Diese klangvolle Alliteration! In nur zwei Wörtern die Verbindung von Essen und Erlösung! Es war vollbracht.

Man schrieb das Jahr 1973, und wahrscheinlich ist alles ganz anders zugegangen. Doch fand mit dem wunderbaren Markennamen eine nunmehr 25jährige Erfolgsgeschichte ihren Anfang. Im Zuge der Nachkriegsfreßwelle hatte sich ein kollektiver Speckgürtel aus Braten, Gyros und Cevapcici um Deutschlands Hüften gelegt - sozusagen der ideale Nährboden für die Karriere fett- und kalorienarmer Lebensmittel. Denn das neue Schönheitsideal stürzte Millionen von Frauen in handfeste Selbstzweifel. Sahen sie sich in jenen Jahren nicht ohnehin umstellt von vielerlei Verboten, Hindernissen, Maßregeln? Da kam ihnen ein "Du darfst" gerade recht. "Ich will so bleiben, wie ich bin", trällerte das Model im Werbespot und verführte ungezählte Mittdreißigerinnen zu der Annahme, dieses hohe Ziel sei mittels Halbfettbutter, Magerwurst und Wasserkäse zu erreichen.

"Stimmt gar nicht!" konterten Ernährungsexperten auf der Höhe der Light-Welle "Freibrief für ungehemmten Konsum" "Gewissensberuhigung", krittelten sie und sprachen aus, was zuvor zu ahnen war: Die leichten Waren verfestigen eher falsche Eßgewohnheiten, als daß sie der Gesundheit dienen.

Trieb Du darfst Anfang der Neunziger noch ganz weit oben, stürzte die Marke dann jäh ins Wellental. Der Zeitgeist, dieser Wetterwendische, fand plötzlich Diäten doof, entdeckte den Jo-jo-Effekt und enttarnte das Idealgewicht als Illusion. Light ist heute megaout (und unter diesem Schlagwort aus den Regalen verschwunden.) Nur schlank ist immer noch in - was die erfahrenen Dudarfst-Manager hoffen läßt.

Zum runden Geburtstag setzen sie auf eigens kreierte Neuprodukte und, probeweise, auf die Männer. Deren Airbags und love handles stören zumindest ihre Partnerinnen, wie die Marktforschung herausfand. Und da nach wie vor zu neunzig Prozent die Frauen den Haushalt führen, müssen sich die faulen Mit-Esser nun auf Apfel-Zwiebel-Leberwurst und scheibchenweise Gemüse-Puten-Kombi (nur vier Prozent Fett!) gefaßt machen. Oder?

Ein kleiner Geschmackstest am Familientisch verheißt für die Zukunft eher Widerstand: Die Halbfettbutter wird geschluckt ("schön salzig!"), der Fleischsalat weggeschoben. Kommentar eines zehnjährigen Mayonnaisefans: "Is' mir zu sauer. Du darfst! Ich will nicht!"