Ein Blick zurück: "1968 waren wir noch keine 68er." Mit diesem Satz schiebt Silvia Bovenschen die Distanz des geschwätzig Ergrauten, in der die meisten der ehemaligen Aktivisten zu Zeitzeugen erstarrt sind, die betreten auf die Fallstricke der eigenen Biographie blicken, beiseite. Deren Kommentare versammelt der dritte, deshalb am wenigsten gelungene Band von Wolfgang Kraushaars Chronik.

Mit wenigen präzisen Sätzen gelingt es Bovenschen, das Einzigartige jenes Ereignisses kenntlich zu machen: "'68 war eine kurze, eine schnelle, eine jähe Bewegung." Weltvertrauen - ohne Kirchentagsmuffigkeit - war damals das Privileg der Jugend, die mit unendlich großen Erwartungen in die Zukunft sah.

Wurden solche Erwartungen auch rasch enttäuscht, so war ihre öffentliche Darstellung doch mächtig genug, die "Legitimationskrise" (Jürgen Habermas) der westlichen Gesellschaften offenbar zu machen. Das ist keiner der vielen Protestbewegungen, die ihr in der Nachkriegszeit vorhergingen, gelungen. Erst der studentische Aktionismus hat die Diskrepanz zwischen perfektionierter Wohlstandsverwaltung und kommunikativer Ohnmacht ins öffentliche Bewußtsein treten lassen. Die maßlosen Reaktionen des Staates ließen einen dramatischen "Machtverlust" seiner Institutionen erkennen, der, wie Hannah Arendt seinerzeit beobachtete, auch durch den rapiden "Zuwachs an Gewaltmitteln" nicht mehr kompensiert werden konnte.

Die Bewegung freilich ist so rasch verschwunden, wie sie entstand. Alle Versuche, sie in den siebziger Jahren auf ein neues historisches Niveau zu heben, scheiterten kläglich oder endeten in blindem Dogmatismus und stummer Gewalt. Das aber konnte ihrem immensen Erfolg nichts mehr anhaben. Sie war gewiß kein Ereignis, "das sich nicht mehr vergißt", wie Kant es vom Pariser Sommer 1789 behaupten konnte. Es war auch keine gescheiterte Revolution, wie Kraushaar meint.

Aber das Jahr 1968 war doch eine zeitgeschichtliche Zäsur. Die Studentenbewegung hat das in Apathie erstarrte öffentliche Leben nicht nur der Bundesrepublik wachgerüttelt. Die Apathieforschung, seit den fünfziger Jahren ein blühender Wissenschaftsbetrieb, fristet seither ein Schattendasein, und der Begriff der "Technokratie" ist aus dem Vokabular der politischen Theorie ebenso ersatzlos gestrichen wie die "formierte Gesellschaft" aus den Wahlversprechen der Politiker.

Kraushaar wählt für seine Darstellung in der bei Rogner & Bernhard erschienenen Chronik, die ein dickleibiger Dokumentenband, der viel Neues enthällt, sinnvoll ergänzt, den Kontext einer bundesrepublikanischen Geschichte der Protestbewegungen. Zwar erhellt die nationale Perspektive mit einem Schlag, daß die Nachkriegsgeschichte der deutschen Demonstrationskultur nicht erst 1968 beginnt. Die nationalgeschichtliche Perspektive verdeckt jedoch die entscheidende Tatsache, daß es sich um eine globale Protestbewegung handelte, die es in dieser Form noch nie gegeben hatte.

Der gleichzeitig mit der Chronik bei Piper erscheinende Band über das Jahr 1968, in dem Kraushaar die Beschränkung auf Westdeutschland fallenläßt und Tag um Tag die Meldungen und Bilder aus aller Welt registriert, spiegelt diese Tatsache wider.