Leise raschelt das Laub in den alten Alleen. Es glucksen die heilenden Brünnlein. Die Millionäre reiben sich den Gesundheitsschlaf aus den Augen.

Und abends lauscht man im Kasino dem dezenten Klicken der Roulettekugel. So war Baden-Baden. Bis die schwäbischen Unternehmer kamen und anfingen, aus der beschaulichen Sommerfrische eine internationale Festivalmetropole zu machen - mit einem riesigen, neuen, privat finanzierten Festspielhaus, mit Anne-Sophie Mutter, John Eliot Gardiner und den tollsten Opern aus London und Sankt Petersburg. Spektakulärer als Bayreuth, teurer als Salzburg, exklusiver als Glyndebourne sollte alles werden. Eine ganz neue Liaison von Hochkultur und privatwirtschaftlichem Tatendrang: Kunscht und Mörtschendaising aus Stuttgart.

Aber, ach: Am Schwarzwaldrand raschelte weiterhin nur das Laub in den Alleen.

Der internationale Festival-Jet-set wollte einfach nicht landen in Baden-Baden-Airport. Halb leer blieb oft der Saal. Die spärlich angereiste Luxusklientel verlor sich in den langen Fluchten des 2500 Zuschauer fassenden Hauses. Oder noch schlimmer: Sie mußte ihren bis zu 600 Mark teuren Kunstgenuß mit studentischen Freikarteninhabern aus Freiburg und Trossingen teilen. Ganze 170 zahlende Gäste hat man bei einer Aufführung von Verdis "I Masnadieri" gezählt. Die Künstler beschwerten sich. Die Baden-Badener Kommunalpolitiker staunten ungläubig. Aus der Traum vom internationalen Festspielglanz.

Und so hat nun die Betreibergesellschaft des Festspielhauses, die Stuttgarter Dekra-Promotion GmbH, den dubiosen Eventproduzenten und Geschäftsführer Rainer Vögele und seinen künstlerischen Leiter Wolfgang Gönnenwein "mit sofortiger Wirkung von ihren Baden-Badener Aufgaben entbunden". Ein derber Rausschmiß. Denn die beiden haben einen im Kulturbereich einzigartigen Rekord aufgestellt: Nur drei Monate seit der Eröffnung der scheinbar so gloriosen Herbertvon-Karajan-Festspiele genügten ihnen, um das spektakuläre Projekt in den Ruin zu wirtschaften. Mit ihrem Abgang haben auch die neoliberalen schwäbischen Traumtänzereien von einem rein privatwirtschaftlich finanzierten Kulturbetrieb ein desolates Ende gefunden. Die Baden-Badener Festspiel GmbH, so heißt es, müsse sich nach einem neuen finanziellen Partner umschauen. Daß das auf lange Sicht nur der Steuerzahler sein wird, ist abzusehen.

Immerhin gibt es schon einen neuen Chef für die bankrotten Festspiele: Andreas Mölich-Zebhauser heißt er und war in den vergangenen sieben Jahren Geschäftsführer des Frankfurter Ensembles Modern. Ein Experte aus den Kreisen der zeitgenössischen Musik also, der trotzig behauptet, er beabsichtige nicht, sich in seinem neuen Job vom Saulus zum Paulus zu wandeln. Obwohl er selbst am besten weiß, daß sich mit der unbequemen Avantgarde kein großer Saal wird füllen lassen. Welche finanziellen Mittel ihm zur Verfügung stehen, ist ungewiß. Nach der ruinösen Stuttgarter Spätzle-Connection soll nun ein Mann fürs Inhaltliche Baden-Baden retten. Und wieder rollt die Roulettekugel.