Von all seinen filmischen Doppelgängern ist mir Johan immer der liebste gewesen. Johan, der Junge in "Das Schweigen" (1962), der die Füße der Mutter betrachtet, wie sie mit ihr im Zimmer herumgehen. Er streift durch die Hotelflure, blinzelt durch Schlüssellöcher und uriniert heimlich in eine Nische. Einmal betrachtet Johan im Treppenhaus ein Gemälde von Rubens, auf dem eine Nymphe einen Faun besteigt. Er versteht nicht, was er da sieht.

Ingmar Bergman versteht es auch nicht. In der Geschichte des Kinos haben seine Filme diesen Blick aufbewahrt: den staunenden, verwirrten und süchtigen Blick eines Kindes.

Die Welt Ingmar Bergmans, das ist Johans Welt: ein Hotel in einer fremden Stadt, ein Schauplatz voller Mysterien, ein Traumspiel, ein Alptraum, eine Vision. Man kann darin auf Entdeckerreise gehen. Man kann verbotene Dinge tun oder sich von Schauspielern Kapriolen vorturnen lassen. Man kann auch selbst ein Theater veranstalten, als Trost gegen die Einsamkeit im Leben und gegen die Angst vor dem Tod. Und man kann die Füße der Frauen betrachten. Derselbe Junge, mit dem zarten Gesicht seines Darstellers Jorgen Lindstrom, wird sich drei Jahre später in "Persona" einem überdimensionalen, unscharfen Bildnis nähern. Ein Moment wie eine Chiffre für Bergmans OEuvre: das Gesicht einer Frau und die Hand eines Jungen, der danach greift. Da sind die Frauen aus seinen Kindertagen, die Mutter, die Kusinen, die Mägde. Die Urlaubsfreundinnen vom Badefelsen. Die Liebenden und diejenigen, die einander im Namen der Liebe zerstören. In all seinen Filmen betrachtet Ingmar Bergman die Frauen wie Johan den Faun und die Nymphe: mit schonungsloser Zuneigung.

Sie sind die Komplizinnen seiner Sehnsucht und seiner Furcht, denn sie erfahren den Schock der Sexualität und die Höllenqual des christlichen Schuldbewußtseins am eigenen Leib. "Die Menschen in meinen Filmen sind genau wie ich selbst", sagte Bergman einmal, "Triebwesen, die bestenfalls dann denken, wenn sie reden. Der Körper ist der größte Teil, mit einer kleinen Ecke für die Seele."

So hat er den Frauen seine schönsten und seine schrecklichsten Filmbilder geschenkt. In "Die Zeit mit Monika" tönt Musik aus der Jukebox, und Harriet Andersson schaut direkt ins Objektiv: der erste, unverschämte Kameraflirt in der Geschichte des Kinos. In "Schreie und Flüstern" verstümmelt sich Ingrid Thulin die Vagina mit einer Glasscherbe. Und in "Das Schweigen" spaziert Gunnel Lindblom auf der Promenade zwischen Begierde und Ekel, als sei die Kamera nie etwas anderes gewesen als ein erotischer Apparat.

Je älter Ingmar Bergman wird, desto häufiger fällt sein Blick zurück auf die eigene Kindheit. Nicht, daß er sich mit dem grausamen, schweigenden Gott von damals versöhnte. Er hält ihm nur unermüdlich die eigenen Geschichten entgegen, und die schönste dieser Geschichten heißt "Fanny und Alexander".

Auf der Bühne, im Theater und der Oper hat Bergman die Dämonen der Kindheit immer wieder gebändigt. Im Kino läßt er sie los: die sadistischen Überväter und die gütigen Geister, die Lichtgestalten der Versöhnung und die Schattenfiguren des Wahnsinns. Das Vorrecht der Kindheit, sich "zwischen Magie und Haferbrei ungehindert zu bewegen", nimmt der Pastorensohn trotz des protestantischen Terrors von Sünde, Strafe und schlechtem Gewissen bis heute für sich in Anspruch. In seinem jüngsten Fernsehfilm "Dabei: ein Clown" tritt sogar der Tod in Erscheinung: ein altes Weib, eine Gauklerin mit runzliger Haut, die dem Patienten im Hospital ihren nackten Hintern hinstreckt. Kein Schreckgespenst. Nur eine Theaternärrin.