Es war nur eine gewöhnliche Amtshandlung. Doch als die russische Regierung am vergangenen Donnerstag vom Energiekonzern Gasprom - dem wichtigsten Devisenbringer des Landes mit einem ausgewiesenen Jahresgewinn von mehr als drei Milliarden Mark - Steuerschulden einforderte und damit drohte, Luxusdatschen, Flugzeuge und Jachten zu konfiszieren, da brach ein Sturm der Entrüstung aus: Die kommunistisch dominierte Staatsduma weigerte sich, über das wichtige Krisenpaket der Regierung zu debattieren, und die russischen Medien bedachten Prem ierminister Kirijenko mit Spott. Die Nesawissimaja Gaseta bescheinigte Kirijenko sogar seinen letzten Fehler.

Auf den ersten Blick scheint das Recht auf Gasproms Seite. Zwar schuldet der Erdgasförderer russischen Steuerbehörden umgerechnet rund 4,4 Milliarden Mark. Der einflußreiche Gasprom-Chef Rem Wjachirew holt aber im Gegenzug gerne eine andere Zahl hervor: Staatliche Organisationen und Unternehmen schulden Gasprom rund 3,8 Milliarden Mark. Die Logik scheint einfach. Staat und Gasprom rechnen ihre Schulden gegeneinander auf, und das Problem ist gelöst. Dabei hat die russische Regierung Anfang des Jahres derartige Aufrechnungen verboten, da sie die Steuermoral untergraben. Sie fordert die Steuerschuld in Rubeln und Kopeken ein. Gasprom wiederum steht es mit wenigen Ausnahmen frei, die Gaslieferung einzustellen, wenn Kunden nicht zahlen. Die russische Wirtschaft würde nur effizienter. Zum einen würden staatliche Organisationen und unrentable Unternehmen nicht weiter Energie verschwenden, für die sie nicht bezahlen zum anderen könnten die Tarife für rentable Unternehmen gesenkt werden, weil Gasprom Kosten einsparen würde.

Doch daran ist Gasprom-Chef Wjachirew nicht interessiert. Der 63jährige, ein enger Vertrauter von Expremier Wiktor Tschernomyrdin, leitet Gasprom bis heute nicht wie eine Aktiengesellschaft, sondern wie ein Ministerium. Es geht ihm um politischen Einfluß und nicht um wirtschaftliche Effizienz, wovon auch zahlreiche Medienbeteiligungen zeugen. Entsprechend ist es um Gasprom bestellt: Das Unternehmen ist ein verzweigtes, undurchschaubares Konglomerat nicht einmal die genauen Produktionskosten für einen Kubikmeter Gas sind bekannt. Regionale Gasprom-Manager wiederum sind vor allem an Tauschgeschäften interessiert, weil sich dabei leichter ein Teil der Einnahmen in die eigene Tasche abzweigen läßt. Gasprom, die Perle der russischen Wirtschaft, ist immer noch ein Selbstbedienungsladen.

Dieses Managementproblem zu lösen wird für die Regierung noch schwerer, als von Gasprom Steuern einzutreiben. Immerhin hat der Energiekonzern am vergangenen Donnerstag zugestimmt, ab sofort pünktlich zu zahlen. Ein logischer zweiter Schritt wäre nun, daß die Regierung ihr Aktienpaket von vierzig Prozent nutzt und Gasprom-Chef Wjachirew entläßt. Doch vorerst scheint sich Kirijenko mit einem Punktsieg zufriedenzugeben. Wie lange der Premier so entschieden auftreten wird wie in den vergangenen Tagen, ist indes fraglich. Frank und frei erklärte Kirijenko gerade live im russischen Fernsehen, daß er Präsident Boris Jelzin nicht von der Gasprom-Aktion informiert habe. Bereits jetzt prophezeien gutinformierte Quellen, daß der junge Premierminister den kommenden Herbst politisch nicht überleben werde.

Mit der Qualität seiner Arbeit habe das nichts zu tun. Der Premier handele vielmehr unerwartet eigenständig. Und das werde im Kreml nicht gern gesehen.