Heinrich Jöckel fühlt sich an diesem Nachmittag sichtlich unwohl in seiner Haut. Der CDU-Mann, dessen politisches Wirken sich normalerweise auf den Ludwigshafener Stadtrat beschränkt, muß heute in einer Diskussionsrunde mit den Direktkandidaten des Wahlkreises 157 Helmut Kohl vertreten. Der Kanzler bewirbt sich wieder um ein Direktmandat in seiner Heimatstadt, läßt sich dort aber kaum blicken. "Einen Schattenwahlkampf" nennt das Doris Barnett, die Kandidatin der SPD. Die 45jährige Juristin will Kohl den Wahlkreis abnehmen.

Im ersten Anlauf vor vier Jahren kam die engagierte Sozialdemokratin mit dem blonden Kurzhaarschnitt immerhin bis auf 2,8 Prozentpunkte an den Kanzler heran. Helmut Kohl ist auch in der Gunst der Ludwigshafener gesunken.

CDU-Mann Jöckel strotzt denn auch nicht gerade vor Selbstbewußtsein: Einen etwaigen Vorsprung, sofern er bei der Frau Barnett vorhanden sei, könne Kohl noch wettmachen, sagt der Kandidatenvertreter. Doch bei den Gewerkschaftern kann er an diesem Nachmittag keine Punkte machen die gehen allesamt an die Sozialdemokratin.

Wie der Kanzler lebt auch Barnett im Ludwigshafener Ortsteil Oggersheim. Der SPD trat sie 1971 spontan bei, nachdem sie auf einer Wahlkampfveranstaltung Willy Brandt erlebt hatte. Sie hält sich durchaus an klassische SPD-Positionen wie Arbeitszeitverkürzung und eine "aktive Arbeitsmarktpolitik" und gewinnt durch ihr Nein zur Besteuerung der Schichtzulagen und der Sonntagsarbeit viele Sympathien. "Geht doch hier mal in die Kneipe. Die Leute haben kein Geld in der Tasche", sagt sie mit der nötigen Empörung.

Eine Arbeitslosigkeit von 8,8 Prozent beunruhigt die Menschen der BASF-Stadt, wo die Chemieindustrie seit 1991 rund 18 000 Arbeitsplätze abgebaut hat. "Wir hoffen im Interesse der Belegschaft, daß Barnett gewinnt", sagt Wolfgang Daniel, stellvertretender BASF-Betriebsratsvorsitzender. Die Sozialdemokratin war selbst einige Zeit beim Chemieriesen angestellt, bevor sie auf dem zweiten Bildungsweg Jura studierte. Für Daniel ist sie eine "moderne SPD-Abgeordnete", die sowohl Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberinteressen im Blick habe. "Man darf nicht ideologisch verbohrt sein", sagt die Kandidatin.

Insofern paßt sie zu Gerhard Schröder: Doris Barnett fordert die Auflösung der Flächentarifverträge, eine steuerliche Entlastung der Unternehmen und den Abbau von Subventionen. Doch läßt sich dies alles in einem Bündnis für Arbeit unter einen Hut zaubern?

Will sie diesen Wahlkreis tatsächlich gewinnen, muß die SPD-Frau aber mit solchen Thesen nicht nur die sozialdemokratischen, sondern auch die bürgerlich-katholischen Wähler in den Randbezirken der Großstadt überzeugen.