die zeit: Schröder statt Kohl - ist das ein Generationswechsel in Europa?

Gerhard Schröder: Ja, das ist so. Das gilt auch für die Begründung von Europa: Denn die oberflächliche These vom vereinten Europa als "Entscheidung über Krieg und Frieden" trägt nicht mehr. Damit hat man bisher zwar gerade in Nachkriegsdeutschland argumentiert. Aber für die Generation nach mir reicht das nicht mehr. Die Vorstellung von einem Krieg zwischen Deutschland und Frankreich halte ich für aberwitzig. Wir dürfen die Gründe, die nach dem Krieg die Einigung Europas in Gang setzten, nicht verdrängen, das wäre unhistorisch. Doch wir brauchen ein anderes, neues Motiv. Heute geht es um Europas Rolle auf den Weltmärkten und in der Weltpolitik. Wir erleben weltweit einen Wettbewerb zwischen dem Modell einer Teilhabegesellschaft und dem einer Verzichtsgesellschaft. Europa folgt dabei einem anderen Weg als Asien oder die USA. Insofern geht es dabei nicht nur um eine ökonomische, sondern auch um eine sehr politische Begründung. Wir müssen eine neue Vorstellung von einem Gesellschaftsvertrag für Europa entwickeln. Das brauchen wir auch, um Herz und Verstand der Menschen in Europa zu erreichen.

zeit: Ist der Euro eine kränkelnde Frühgeburt?

Schröder: Der Euro ist schon ein Stück europäischer Geschichte. Jetzt heißt die Aufgabe: Was tun wir, damit die Währungsunion gelingt? Auch wenn man die Einführung des Euro für verfrüht gehalten hat, muß man nun die Chancen der Währungsunion maximieren und die Risiken minimieren. Hier geht es nicht darum, recht zu haben: Das darf nicht scheitern. Die Währungsunion darf nicht an ihren inneren Spannungen zerbrechen. Ebendeshalb müssen wir jetzt in Europa die nötigen Reformen vorantreiben. Wir müssen uns der Mühsal der Ebene stellen und dafür sorgen, daß die weitgehenden ökonomischen Entscheidungen politisch unterlegt werden. In den nächsten Jahren geht's nicht mehr um neue große Visionen - sondern um die Verwirklichung der Visionen. Europapolitik wird vor allem Wirtschafts- und Finanzpolitik sein müssen. Wir brauchen jetzt die Pragmatiker, das sind die eigentlichen Visionäre der nächsten Zeit. Sonst könnte der Euro scheitern.

zeit: Anfang 1999 übernimmt Deutschland die EU-Präsidentschaft. Sind Sie vorbereitet?

Schröder: Über die Probleme der Agenda 2000, also etwa die schwierige Reform der Agrar- und Strukturpolitik in der EU, habe ich inzwischen alles Notwendige gelernt. Ich kann als Kanzlerkandidat ja nicht nach Rom, London oder Warschau fahren und da den Eindruck hinterlassen, ich hätte mich damit nicht beschäftigt. Für mich ist Europas Agenda 2000 so etwas wie das Thema Reformstau bei uns in Deutschland. Das ist das beste Beispiel für das, was ich meine mit der Mühsal der Ebene.

zeit: Muß Deutschland als größter Nettozahler der EU entlastet werden?