Sport in der Natur

Wenn Heiner Geißler sich von der Politik zermürbt fühlt, dann wandert oder radelt er Gipfeln entgegen. Der 68jährige CDU-Politiker verausgabt sich nicht nur gern im steilen Terrain, sondern engagiert sich als Vorsitzender des Kuratoriums Sport und Natur zugleich als Lobbyist für Sportarten, die abseits fester Anlagen in freier Landschaft ausgeübt werden - Klettern, Wandern, Rad- und Kanufahren, Tauchen oder Triathlon.

Die Outdoorsportler nämlich sehen sich durch Umweltschützer und Naturschutzgesetze zunehmend in die Defensive gedrängt oder gar ausgesperrt.

Nationalparks und Naturschutzgebiete limitieren ihren Spielraum, Kletterer fühlen sich durch Verbote in den Mittelgebirgen diskriminiert.

Mit seinem Symposium "Durch Natursport zum Naturschutz" versuchte Geißlers Kuratorium in der vergangenen Woche in Bonn, den Spieß umzudrehen.

Rückendeckung holten sich die Natursportler von Psychologen und Soziologen, die vor allem bei Jugendlichen eine zunehmende Entfremdung von der Natur registrieren.

Betonierte Städte und zahlreiche Verbote in Schutzgebieten verhindern zunehmend Naturerfahrungen. So stellte der Psychologe und Bergführer Martin Schwiersch einen Zusammenhang zwischen dem Rückzug aus der Natur und der Zunahme von Neurosen fest: "Naturerfahrungen dringen in den Menschen ein und stehen ihm später als unentrinnbare Erfahrung zur Verfügung."

Verbote und Einschränkungen beispielsweise im Klettersport begründet Georg Fritz vom Bundesamt für Naturschutz schlicht mit dem Massenansturm in populären Outdoordisziplinen: Die Zahl der Kletterer hat sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht. Daß auch Radfahrer mehr und mehr von der Straße abkommen und auf Mountainbikes durch Wald und Feld jagen, hat den Druck auf sensible Regionen weiter erhöht. Fritz zweifelt auch an den hehren Motiven der Natursportler: "Da wird oft technisches Gerät erlebt, nicht die Natur."

Sport in der Natur

Die Fronten im Konflikt zwischen Naturschutz und Naturnutzung sind allerdings längst nicht mehr so verhärtet wie noch vor einigen Jahren. Im Auftrag des Naturschutz-Bundesamts hat der Münchner Landschaftsökologe Hans-Joachim Schemel eine Studie zur Schaffung von "Naturerlebnisräumen" erstellt. Diese neue Kategorie soll die Bedürfnisse von Flora und Fauna auf der einen und dem Menschen auf der anderen Seite versöhnen.

Schemel versteht darunter städtische Flächen von zwei bis zehn Hektar Größe, auf denen die Natur sich selbst überlassen wird. Jung und alt sollen hier nicht nur ehrfürchtige Blicke auf Pflanze und Tier werfen, sondern selbst durchs Unterholz streifen und Äste abbrechen dürfen. Schemel wandte sich dagegen, "daß der die Wege verlassende Mensch ein Störenfried ist".

Ob diese Idee vom urbanen Wildnistummelplatz bei den Kommunen auf große Gegenliebe stößt, bleibt abzuwarten. Doch wie sehr gerade Kinder und Jugendliche, die in der Stadt auf genormte Spielplätze angewiesen sind, alltägliche Naturerlebnisse entbehren, beweist eine neue Untersuchung des Marburger Soziologen Rainer Brämer. Die 2500 befragten Schüler wußten zwar, daß Kühe nicht lila sind, aber immerhin gaben 16 Prozent aller Sechstkläßler zu Protokoll, Enten seien gelb.