Es gibt Gesichter, die sind so vertraut, daß man sie einfach nicht wahrnimmt. Sie sind da und gehören dazu. Sagen wir, das Gesicht Hans-Dietrich Genschers. Gesehen hat man es noch nicht Mitte der fünfziger Jahre, als er anfing mit der Politik, aber immerhin doch spätestens seit 1969, als er Innenminister wurde. Minister blieb er, Minister ist sein Beruf. Um die Wahrheit zu sagen, Minister ist er sogar jetzt noch, obwohl er 1992 das Auswärtige Amt verließ. 33 Jahre gehört er dem Bundestag an, 33 von 49 Jahren, die die Republik alt ist. Nicht wegzudenken, der Mann.

Gerade promoviert er seinen ersten Doktoranden in Berlin über internationale Beziehungen. Seine "Erinnerungen" hat er längst verfaßt, ein dickes Buch, für Siedler natürlich. Jetzt schreibt er sein nächstes Opus: Über Entscheidungen, die falsch, und andere, die richtig waren. Das Werk wird wohl Schlagseite in eine Richtung haben, darf man vermuten.

Kann man überhaupt aufhören mit diesem eigenartigsten aller Berufe, mit Politik? Tür zu, Licht aus, Kissen ins Fenster und von dort aus vielleicht gar auf "die Politiker" im fernen Bonn schimpfen? Politik als Beruf: Max Weber, diese Jahrhundertgröße, hat das Besondere daran unvergleichlich herausgefiltert. Politik ist anders. Ganz nostalgisch könnte man werden beim Wiederlesen.

Burkhard Hirsch, Freimut Duve, Alfred Dregger, Otto Graf Lambsdorff, Hermann Rappe, Gerhard Stoltenberg und Hans-Dietrich Genscher: Im Herbst verlassen sie das Parlament, gemeinsam mit vielen, große und kleine Namen darunter. Der Bürgerrechtler Gerd Poppe zum Beispiel. Waltraud Schoppe. Peter Conradi.

Ingomar Hauchler. Karsten Voigt. Man darf gar nicht anfangen.

Abschied? Im Bundestag hat Genscher seine letzte Rede längst gehalten. Sie galt, grob gerafft, dem geeinten Deutschland und dem hoffentlich geeinten Europa. Sein Leben in dreißig Minuten. Bei sage und schreibe gleich drei Kanzlern hat er sich bedankt, weil sie alle europäisch gedacht hätten, womit schlagartig klar wurde, daß der Mann hinter den dreien (hinter?) ewig dieser eine ist, Genscher.

Gerade hat er seine kleine Enkelin beim Schulfest besucht. Wenn man ihm im Gespräch zuhört, da oben im Eigenheim in den Bergen von Godesberg, der Blick unverbaubar, freundliche Andenken von Außenministerkollegen aus aller Welt an den Wänden, weiß man sofort: Der verabschiedet sich nicht. Politik hat kein Ende. Und nicht nur, weil vor dem Haus die Limousine mit den Polizisten wartet, ein Staatsessen mit dem Bundespräsidenten für einen Gast aus Osteuropa findet statt, gleich wirft er sich in Schale. Ist ein alter Buddy, den er da trifft. Wenn man sein Leben lang Minister ist, trifft man irgendwann fast nur alte Buddies.