Worüber soll man sich bei Philipp Holzmann mehr wundern? Darüber, daß der Frankfurter Baukonzern trotz immenser Verluste überhaupt noch existiert? Oder darüber, was an Mißmanagement sowie Versäumnissen durch Banker und Wirtschaftsprüfer möglich ist? Konzernchef Heinrich Binder fügte den merkwürdigen Vorkommnissen bei Holzmann jetzt eine neue Variante hinzu.

Gemeinsam mit dem Aufsichtsrat werde er der Hauptversammlung vorschlagen, die Entlastung seines Vorgängers Lothar Mayer sowie vier weiterer Mitglieder des früheren Vorstands zurückzustellen. Denn, so Binder: "Im Projektgeschäft ist nicht sauber gearbeitet worden." Nun müsse die Entwicklung der vergangenen Jahre erst einmal aufgearbeitet werden.

Starker Tobak, könnte man meinen. Aber Binder ist weit davon entfernt, Mayer mit Dreck zu bewerfen. Und die ganze Sache habe rechtlich keine Konsequenzen.

In der Tat: Binder spielt auf Zeit. Denn es steht zu befürchten, daß der Konkurrent Hochtief, der gut ein Viertel des Holzmann-Kapitals hält und den das finanzielle Debakel seiner Beteiligung teuer zu stehen kommt, auf der Hauptversammlung am 24. August die Entlastung des alten Vorstands verweigert.

Dazu könnte es natürlich nicht kommen, wenn das Thema verschoben wird.

Dieser Trick soll offenbar auch die Deutsche Bank schützen, die über maßgeblichen Einfluß bei Holzmann verfügt. Sie hält ein Viertel des Kapitals und stellt in Person ihres Vorstandsmitglieds Carl L. von Boehm-Bezing auch den Aufsichtsratsvorsitzenden des Baukonzerns. Er müßte auf der Hauptversammlung ebenfalls mit unangenehmen Fragen rechnen: Was haben die Mitglieder des Kontrollgremiums gewußt, warum haben sie den Vorstand nicht vorher gestoppt?

Schließlich zieht sich das Debakel bei Holzmann nun schon über mehrere Jahre hin. Ursache für die immensen Verluste ist vor allem das sogenannte Projektgeschäft. Holzmann hatte riesige Immobilienbestände gehortet in der Erwartung, sie bebauen und bei steigenden Preisen mit Gewinn verkaufen zu können. Doch der Markt entwickelte sich in die andere Richtung. Dennoch wurden Öffentlichkeit und Kleinaktionäre immer wieder mit falschen Zahlen und Versprechungen über das Ausmaß der Krise getäuscht. Hatte Mayer noch Anfang 1995 eine unveränderte Dividende in Aussicht gestellt, so mußte er wenige Wochen später einen erheblichen Wertberichtigungsbedarf im Projektgeschäft einräumen. Der stieg, trotz der wiederholten Beteuerung des Vorstands, nun sei für alle Risiken vorgesorgt, weiter an und verschlang mehrere Milliarden Mark. Mayer mußte gehen und wurde im September vergangenen Jahres durch Binder ersetzt.