In einem Pfarrhaus mitten in Jena fing vor sechs Jahren alles an. Der damals 21 Jahre alte Stephan Schambach, ein abgebrochener Physikstudent, und eine Handvoll Computerfreaks waren besessen von der Idee, das Internet zum elektronischen Kaufhaus zu machen. Nach zwei Jahren war die passende Software fertig, wieder zwei Jahre später hatten sie das nötige Risikokapital beisammen, um die Intershop ins internationale Geschäft zu bringen. 1997 machten die Bastler von einst dann einen Umsatz von 5,7 Millionen Dollar, Ende dieses Jahres wollen sie (bei verdoppeltem Umsatz) an die 400 Leute beschäftigen - weltweit, versteht sich. Vorher wird gefeiert: Am 16. Juli ist Börsengang.

Mut zum Risiko brauchten auch der ehemalige VEB-Direktor Klaus Jungnickel und der schwäbische Unternehmensberater Wolfgang Jassner, als sie 1993 der Treuhand eine marode Wäschefabrik abkauften und daraus die Bruno Banani Underwear GmbH machten. Auch sie werden heute als Stars herumgereicht, weil sie sich mit ihren hochwertigen Produkten und einem Umsatz von siebzehn Millionen Mark (1997) im schwierigen Markt für Designerwäsche durchgesetzt haben. Inzwischen sind die Slips und Bodys Marke banani sogar bei Harrods in London zu haben.

So oder ähnlich lesen sich viele Geschichten von ostdeutschen Neuunternehmern, die wagten und gewannen. An der Spitze etablierter Unternehmen findet man sie höchst selten, und die Erklärung dafür ist einfach: Zuerst gab ihnen die Treuhand keine Chance, dann gingen mit der Privatisierung 85 Prozent der Unternehmen in westliches Eigentum über, und die neuen Eigner hievten Wessis auf die Chefsessel. Für Ostdeutsche blieb bestenfalls auf der zweiten Ebene Platz. Daraus zogen viele die Konsequenz, sich selbständig zu machen. Immerhin 185 000 kleine Unternehmen, überwiegend Handwerksbetriebe, hatten die DDR überlebt, 100 000 gingen schon bald nach der Wende unter. Gleichzeitig setzte aber ein regelrechter Gründerboom ein, und heute existiert gut eine halbe Million Unternehmen in den neuen Bundesländern.

Den weitaus größten Anteil an den neuen Unternehmern stellen die Einsteiger.

Das sind häufig qualifizierte Fachleute, die vor der drohenden Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit flohen. Hier stößt man aber auch auf junge Dynamiker, die nach der Wende endlich eine Chance zur Selbstverwirklichung erkannten. Zu dieser kleinen Kategorie zählen auch die Vorzeigeunternehmer, die in Gazetten - und von Politikern - gerne herumgereicht werden.

Doch der Glamour trügt, der berufliche Alltag des typischen Existenzgründers ist mühselig. Da ist zum Beispiel der promovierte Automatisierungstechniker Peter Bierl, Jahrgang 1954, in einer renovierungsbedürftigen Villa der Leipziger Randgemeinde Markkleeberg. Nach dem Studium arbeitete er in Grimma im Kombinat Chemieanlagenbau und gründete im März 1990 mit ein paar Kollegen die Adcon Industrieautomation GmbH. Tatendrang und Blauäugigkeit nennt er als Hauptmotive für seinen Sprung in die Selbständigkeit.

Ruhig schildert Bierl die anfängliche Schwierigkeit, Aufträge zu angeln: "Keiner kannte Adcon." Doch nach zwei Jahren waren sie zu zwölft, 1997 machten sie einen Umsatz von drei Millionen Mark, und nach einer Fusion zählt die Adcon-Belegschaft neuerdings dreißig Köpfe.