Wer Rummelsberg vor sich hat, hat schon vieles hinter sich. Nur die, die keiner mehr will, kommen hierher. Kleine schwere Jungs zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Vergewaltiger, Seriendiebe, Schläger - ein geschlossenes Heim für strafunmündige Kinder und strafmündige Jugendliche. "Dissoziale Delinquenten" nennt man sie im Rummelsberger Pädagogendeutsch, schöner kann man in einem Fremdwort nicht sagen, daß niemand, weder Elternhaus, Schule, Streetworker noch Justiz, mit diesen Jugendlichen fertig wird.

Rummelsberg ist kein Gefängnis, obwohl hier alle Türen und Fenster geschlossen sind, jedenfalls alle, die ins Freie führen. Die Einrichtung, die von der evangelischen Inneren Mission getragen wird und idyllisch am Waldrand in der Nähe Nürnbergs liegt, ist für 25 Jugendliche die letzte Chance vor einer Knastkarriere. Ein Intensivkurs in sozialem Verhalten, Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit Zuckerbrot und Peitsche und ohne Erfolgsgarantie. Kein Richter kann einen Jugendlichen in das Heim einweisen.

Er kann es nur anregen. Denn die Sorgeberechtigten, also Eltern oder Jugendamt, müssen einwilligen und selbst den Antrag stellen. Das tun sie, wenn sie hinreichend verzweifelt sind.

Das Heim ist zwar nicht einzigartig. Doch in ganz Deutschland gibt es nach dem Siegeszug der liberalen Heimpädagogik in den siebziger Jahren nur noch etwa achtzig Plätze für Jungen und vierzig für Mädchen, die Schloß und Riegel kennen. Jetzt, im Wahlkampfjahr, rufen konservative Politiker wieder laut nach strafendem Arrest, nach Wärtern statt Sozialpädagogen.

In Rummelsberg gibt es Wärter und Sozialpädagogen. Die Pädagogisch-Therapeutische Intensivabteilung (PTI) ist ein ausgetüfteltes System von Zuneigung und Sanktion in Person immer derselben Betreuer.

Mitarbeit und soziales Verhalten der Jugendlichen werden belohnt, Verweigerung und ungezügelte Aggression bestraft. Stundenweise freier Ausgang oder Isolierzelle mit Stahltür und Fenstergittern: zwischen diesen Polen findet in Rummelsberg der Alltag statt. "Wir bieten den Kindern und Jugendlichen klare Regeln, aber auch Geborgenheit. Und wir setzen ihnen klare Grenzen", sagt der Leiter der Einrichtung, Hans Rilke.

Er fühlt sich nicht als "Schließer", sondern als Helfer von Jugendlichen mit schwierigsten Problemen. Sein Haus heißt deshalb "individuell geschlossenes Heim". Für jeden Jungen wird in Zusammenarbeit mit den Sorgeberechtigten ein Hilfsprogramm erstellt mit dem Ziel, ihn wieder als soziales Wesen in die Außenwelt zu entlassen. Das kostet die Betreuer Kraft und Nerven und den Steuerzahler pro Jungen 450 Mark am Tag. "Und trotzdem bieten wir keine Garantie, daß nachher alles gutgeht", sagt Rilke. Die meisten, die nach Rummelsberg kommen, nutzen ihre Chance im Lauf der zwei Jahre, die sie hier im Durchschnitt verbringen. Dort, wo sie herkommen, hat man ihnen jedenfalls weder Abenteuerurlaub geboten noch das Schreinerhandwerk beigebracht, bei den Hausaufgaben geholfen oder erzwungen, den eigenen Haushalt zu organisieren.