So wie die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Frankreich wolle auch die Koalition agieren, ließ Wolfgang Schäuble am Montag morgen die Gemeinde der Focus-Leser wissen: uneinholbar scheinende Rückstände aufholen, das Blatt zu guter Letzt doch noch wenden, auch wenn das Spiel längst verloren scheine.

Da waren Bertis Buben leider schon ausgeschieden. Nicht wie die deutschen Fußballer nach der Niederlage rummaulen und die Schuld auf andere schieben, das könnte schon eher als Vorsatz taugen für den Wahlabend im Herbst.

Aber solche Vorsätze kann nur fassen, wer überhaupt an die Niederlage denkt.

"Warum soll ich mich jetzt mit einem Thema beschäftigen, das ich nicht als ein Thema sehe", erklärt der Kanzler im ZDF. "Ich habe in meinem Leben immer versucht, in allen Lebenssituationen mich fair zu verhalten, und in diesem Falle würde ich das natürlich genauso tun. Aber der Fall tritt ja nicht ein."

Wer denkt denn schon an den Wahlabend? Wo doch, glaubt man dem Kanzler, der Wahlkampf noch nicht einmal begonnen hat. Das klingt einigermaßen kurios.

Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, der Hauser-Coup, die Rote-Hände-Kampagne, Hans-Hermann Tiedje und seine schöne Illustrierte für die Neuen Bundesländer, Auflage 6,5 Millionen - alles gar kein Wahlkampf? Wahlkampf ist eben nur dann, wenn der Kanzler vorne liegt. Alles andere zählt nicht, so muß man Helmut Kohl wohl verstehen. Alles bloß Verrenkungen des politischen Gegners, der sich wieder einmal Hoffnungen macht, der Kanzler wäre zu schlagen.

Na ja, ein bißchen beeindruckt er schon, wie er da vor den versammelten Bonner Medien den Wahlsieg verkündet, an den selbst seine eigene Partei nicht mehr recht glauben will. "Sie werden es erleben", heißt seine Botschaft - und alle zweifeln, daß die Koalition es noch einmal schaffen kann. Nur Kohl sieht einen ganz anderen "Zweifelwurm" umherkriechen im Bonner Regierungsviertel.