Inspiration. So eine Sache das. Die erste Hälfte dieser Kolumne soll zum Beispiel ohne Zigaretten geschrieben werden, und Sie ahnen womöglich nicht, was das für einen ordentlichen Suchtkranken für eine Qual bedeuten kann. Der Italiener Italo Svevo hat, wie viele Raucher wissen, ein ganzes Buch über diese Frage geschrieben, und obwohl die Lektüre keineswegs langweilt, ist man doch nicht klüger danach - weder, wie man es denn schaffen kann mit dem Entzug, noch, was das Rauchen und die Inspiration miteinander zu tun haben. Svevo selbst hat natürlich bis zum Ende geraucht und war selbstredend überzeugt, daß Inspiration und Genuß zusammengehören. Menschen, die gar nichts davon verstehen, sagen zum Beispiel: "Man muß nur wollen", aber auch sie können einem nicht sagen, wo man das Wollen lernen kann, ob es zum Beispiel eine Hundeschule des Willens gibt, bei der man mit sich selbst so einen Tonfall finden kann, der einem Schäferhund das Rückgrat krümmen könnte, die eigene Würde aber ganz unangetastet läßt. (Hier ist die Hälfte vorbei.)

Die meisten Schriftsteller rauchen, das gehört, wie beim unlängst verstorbenen Marlboro-Mann, gewissermaßen zum Berufsbild. Inspiration: "Gnade oder Natur? Vom Flügel oder von der Keule? Wie man in den Restaurants sagt", liest man beim großen Franzosen Montherlant, und selbst bei diesem Satz sieht man die Zigarre im Hintergrund qualmen, an der auch der junge Brecht sich planmäßig den jungen Magen verdorben hat. Kafka konnte nicht, war aber auch Vegetarier - doch alle anderen: Joyce, Mann, Gertrude Stein, Rilke, Lasker-Schüler und Kracauer . . . Nur Goethe fehlt natürlich, aber wenn man ans Trinken denkt, war er auch wieder munter dabei. Nicht- oder Pfeifenraucher ist vermutlich Derrida (wie ja die Philosophen überhaupt vom Laster nicht viel verstehen), wenn man ein Interview, das bald in Buchform erscheinen wird, auf diese Frage hin interpretiert: "Wohin führt eine Arbeit wie die Ihre?" - "Ich weiß es nicht." - "Man kann es auch anders sagen: Gibt es eine Philosophie von Jacques Derrida?" - "Nein." - "Es gibt also keine Botschaft?" - "Nein." Ja, das berufsmäßige Denken ist eine feine Sache.

Für alle, die hoffen, daß es auch ganz ohne Inspiration geht, gibt es den bekannten Vierzeiler: "Von Luther bis zu Luis Trenker/ gab es in Deutschland keinen Denker/ der stur wie Jürgen Habermas/ auch sonntags in der Mensa aß." Das Denken führt verläßlich fort vom armen, stinkenden Madensack und hin zu jenen Höhen, auf denen die Luft sehr dünn, der Blick aber ganz weit wird: "Einer der Gedanken für das nächste Jahrhundert; vorerst muß die Erfahrung den Abstand aufholen. Etwa: Die Landung auf unbelebten Himmelskörpern hat manche Erwartungen enttäuscht. Sollte aber dort nicht mehr verborgen sein, als wir erhofften - Einsichten, vielleicht sogar eine Befriedigung über die faustische Unruhe hinaus?" So Ernst Jünger (Gelegenheitsraucher) am 28. Februar 1983 in Wilfingen; im nächsten Jahrtausend werden wir lesen, wie er die Reise zum Mars beurteilt, auf dem wir Erdlinge mit einem trostlos häßlichen kleinen Rumpfauto landen, dieser Briefmarke unserer Zivilisation, die, wäre ich Marsbewohnerin, keinerlei Inspiration erbrächte und keine Lust, die Absender auch nur kennenzulernen. Ein armes getrocknetes Veilchen, eine Murmel oder auch nur ein SuhrkampBändchen - das hätte vielleicht Eindruck gemacht. Oder ein Päckchen Zigaretten. So für die faustische Unruhe.