Hört doch auf mit dem Kulturgetue, werdet endlich ehrlich, und gebt zu, daß kein Mensch den ganzen Tag lang kritisches Reflektieren, Goethe und Beethoven, Kafka und Schönberg, Mitleid mit Zentralafrika durchsteht, ja nicht einmal die konsequente Befolgung des eigenen Diät- und Gymnastikplans. Jeder braucht Entlastung, Ventile, und wie auf körperliche so hat er auf geistige Entleerung volles Recht.

So der Tenor einer neuen Kulturkritik, die deshalb so auftrumpfen kann, weil niemand über sie erhaben ist. Man müßte nur einmal gezwungen sein, alles, aber auch alles, was man an einem beliebigen Alltag so sagt und tut, samt aller Fehlleistungen, Übersprungshandlungen, Grimassen und Körpergeräusche, im Film anzuschauen: Es wäre furchtbar und zudem stinklangweilig. Viel bequemer und kurzweiliger, so etwas zu Konzentraten verdichtet, verschärft und wohlinszeniert vorgeführt zu bekommen - so wie bei den Schaublödlern von Hape Kerkeling bis Helge Schneider. So blöd, wie die sich geben, sind sie selbstverständlich nicht, auf ihre Art sogar Könner, denn eines können sie, bei allen Niveauunterschieden, die es sonst noch zwischen ihnen geben mag, allesamt virtuos: sich und andere für dumm verkaufen. Das könnten sie aber nicht, gäbe es nicht massenhaft die, die sich für dumm verkaufen lassen. Insofern sind sie kein schlechter Gradmesser dafür, was ein Kollektiv sich bieten läßt, obwohl natürlich nicht Grund der Geistlosigkeit, sondern allenfalls ihr Sahnehäubchen. Dem, der sich noch seines eigenen Unsinns erfreut und dazu auf Shows nicht angewiesen ist, können sie herzlich egal sein oder auch mal Anlaß dafür, nachts vor dem Fernseher zu versacken, aber eines sicher nicht: Gegenstand der Kulturkritik.

Wenn aber das, was unter aller Kulturkritik ist, auf einmal zu ihrem Ausgangspunkt geadelt wird, was geht dann eigentlich vor? Als Kirchs Pläne, die Fußballweltmeisterschaft 2002 nur noch über Pay TV zugänglich zu machen, ruchbar wurden, redeten Politiker und Intellektuelle (selbst Uwe Wesel in der ZEIT) geschwollen von der Volkskultur, die ein einzelner enteignen wolle, als ob Biertrinken und Erdnußessen vor einem Flimmerkasten, in dem ein Fußballspiel läuft, Kultur wäre und das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht allgemein respektierte Geschäftsgrundlage. Anstatt einfach zu sagen: eine Gemeinheit von dem Kerl, alle, die nicht zahlen können, kurzerhand auf Entzug setzen zu wollen - fast wie ein Dealer. Und nun empfiehlt Norbert Bolz (ZEIT Nr. 23/1997) allen Ernstes die "Nonsens-Kultur" der Blödelshows als den wahren Tabubruch unserer Tage, als einzig real existierende Subversion, die der "heiligen Allianz der Warner, Mahner und Betroffenheitsdarsteller" längst ausgegangen sei.

Wenn er sagen würde: Diese Gesellschaft hat die Repräsentanten und Nonsensmacher, die sie verdient, und im "Fitze, fitze, fatze" eines Helge Schneider erfährt die "geistig-moralische Wende", die Helmut Kohl einst dickbramsig verkündete, das ihr gebührende Echo - es wäre nichts einzuwenden. Aber Schneider, Kerkeling & Cie als Befreier aus der "Habermas-Welt", aus der "Sackgasse der Weltmelancholie", in die sich "die Frankfurter Schule manövriert hat", begrüßen, so als seien Diskurs und Kultur hierzulande deswegen so trübe, Drogen- und Alkoholkonsum deswegen auf ihrem gegenwärtigen Stand, weil alle Welt jahrelang nichts anderes tat, als hängenden Kopfes Diskursethik oder Negative Dialektik zu wälzen und "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" zu lispeln, das ist ein beherzter Schritt zum Geschäft der Blödelshowmaster: dem Für-dummVerkaufen. Bei Bolz freilich mit einem Vorbehalt: Sich für dumm verkaufen will er nicht, sondern Kulturkritiker sein. Deshalb zieht er alle Register hoher Philosophie.

Daß er sich mit so viel intellektuellem Aufwand für kommerzielle Blödelei krummlegt, bedeutet: Manches ist ihm anscheinend Ernst. Zum Beispiel: "Nach der angestrengten Dauerreflexion des kritischen Bewußtseins kann nur ein freiwilliger Niveauverlust wieder Luft zum Atmen verschaffen." Wenn er das sich selbst rät - nun gut; aber er rät es allgemein. Als ob die Leute, die sich abends vor der Comedy zu entspannen glauben, nicht vom Stau, vom Betrieb, vom Warten auf Behörden oder von Beziehungsproblemen gestreßt sind, sondern von Dauerreflexion im Fahrwasser Adornos oder Habermas' - die übrigens demonstrativ als einerlei firmieren: als Repräsentanten derselben perspektivlosen Griesgramwelt von Konsens und Sinnhuberei. Natürlich ist es nur eine hauchdünne Schicht gewesen, die ein paar Jahre lang solche Dauerreflexion pflegte, und daß Bolz ihr angehörte, Adorno und Benjamin rauf und runter zitierte, seine Ehrfurcht vor ihnen bis in seine Schreibweise spüren ließ, bis er sie eines Tages als Sackgasse erfuhr - das wäre nichts als seine Privatsache und sein gutes Recht, würde er nicht, was Sackgasse seines Vorankommens gewesen sein mag, zu der Sackgasse der modernen Welt aufspreizen: zum Haupt- und Schauargument für die Blödelbarden.

Übrigens nach einem uralten, magischen Denkmuster, das für Betroffene wenig erheiternd war: Der Unglücksbote ist der Unglücksmacher - weswegen antike Boten reihenweise den Kopf dort ließen, wohin sie schlechte Nachricht brachten. Die deutsche Version davon lautet: Wer den Schmutz im Nest beim Namen nennt, ist ein Nestbeschmutzer, und eine subtil-intellektuelle Variante: Wer, wie Adorno, bestimmte Sackgassen der modernen Gesellschaft aufzeigt, hat sich in sie "manövriert". Daß gegen Trübsinn bisweilen Blödeln hilft: geschenkt. Aber die Frankfurter Schule als der Trübsinn schlechthin, gegen den nur noch Blödeln helfe: das wird zu ernst vorgetragen, um noch als Blödeln durchzugehen.