Gleich nach dem Krieg, im Sommer 1945, habe ich eine Schrift mit dem Titel "In memoriam 20. Juli" verfaßt, weil ich glaubte, daß bei der strengen Geheimhaltung, die im Kreise der Verschwörer geübt werden mußte, in einigen Familien vielleicht nicht bekannt sei, was ihre immer wieder als Verräter verleumdeten Angehörigen wirklich getan haben und warum sie es taten. Der Text - es war der erste, der zum Thema 20. Juli in Deutschland erschienen ist - wurde damals in 300 Exemplaren gedruckt.

Er beginnt mit dem Satz: "Zum ersten Mal jährt sich der Tag, an dem Deutschland mit einem Schlage seine besten, seine wirklichen Patrioten verloren hat. Mitten in dem jahrelangen, nicht enden wollenden Sterben an den Fronten und in dem wachsenden Chaos daheim hatten sich noch einmal die Besten des Landes aus allen Bereichen in einer letzten großen Kraftanstrengung erhoben.

Auch heute, am 20. Juli 1998, ist dieser in unserer Geschichte so einzigartige Tag im Bewußtsein der Mehrheit der Deutschen nicht präsent, und die Minderheit glaubt noch immer Gerüchte, die einst Widersacher in die Welt setzten. Es sind vor allem zwei Unwahrheiten, die noch immer kursieren:

1. Erst als endgültig klar war, daß der Krieg verloren war, haben die Oppositionellen sich zum Widerstand entschlossen.

2. Es war ein Club von Grafen und Reaktionären, die sich da zusammengefunden haben.

Zu Punkt 1: Schon 1938 wurden Vorbereitungen getroffen. Damals, um einen möglichen Krieg zu verhindern. Anlaß dazu war die Entlassung des Kriegsministers von Blomberg aufgrund eines konstruierten Skandals und die erfundene Affäre Fritsch, mit deren Hilfe festgestellt wurde, der Chef der Heeresleitung sei "untragbar". Wenige Monate später, angesichts der heraufziehenden Sudetenkrise, trat der Chef des Generalstabes, Generaloberst Beck, von seinem Posten zurück, so daß nun ein umfassender Schub an führertreuen Generalen und Admirälen erfolgen konnte.

Der Grund für Becks Rücktritt: Beck hatte eines Tages von Hitler Aufklärung über dessen außenpolitische Pläne gefordert. Hitlers Antwort: Beck habe das Schwert zu führen, wo und wann immer er, Hitler, dies befehle. General Beck demissionierte, zumal sein Versuch, die Generale zu einem gemeinsamen Schritt bei Hitler zu bewegen, schon zuvor gescheitert war. Ein Chef des Generalstabs, der angesichts einer drohenden Krise demissionierte - das hatte es in diesem Lande noch nicht gegeben.

Aber dann hatte sich der englische Premier Neville Chamberlain plötzlich entschlossen, mit Hitler zu sprechen. Im September 1938 kam er nach München und machte deutlich, daß die Engländer sich mit der Preisgabe des Sudetenlandes abfinden würden - ausgerechnet die Engländer, auf deren Härte die deutsche Opposition soviel Hoffnung gesetzt hatte.

Damit war dem Widerstand der Boden entzogen: Hitler erhielt auf friedlichem Wege das, was er sich durch kriegerisches Vorgehen gewaltsam hatte nehmen wollen; die Bevölkerung aber, die angesichts der drohenden Gefahr ein wenig zögerlich geworden war, konnte nun ihrer Begeisterung für den Führer wieder freien Lauf lassen.

Im Sommer 1939, vor der Polen-Krise, wurde ein neuer Versuch unternommen. Graf Gerhard Schwerin, der im Generalstab des Heeres die Gruppe England/Amerika leitete, wurde nach London geschickt, mit dem Auftrag, den Engländern zu sagen: "Schickt ein Flottengeschwader nach Danzig... Treibt den Militärpakt mit der Sowjetunion voran. Das einzige, was Hitler von weiteren Abenteuern abhalten kann, ist ein drohender Zweifrontenkrieg." Schwerin erreichte nichts, und auch Goerdeler, der es nach ihm noch einmal versuchte, kehrte ohne Ergebnis zurück.

Drei Jahre später, im Juni 1942, brachte Adam Trott unter Lebensgefahr eine Denkschrift nach London, aber Anthony Eden, der Außenminister, erklärte, er werde diesen Leuten (die er für Landesverräter hielt) nicht antworten. In unglaublicher Naivität notierte er: Dies sei nicht möglich, "solange sie sich nicht decouvrieren und ein sichtbares Zeichen ihrer Absicht, bei der Entmachtung des Nazi-Regimes mitzuwirken, geben".

Obgleich Churchill über den wirklichen Tatbestand genau unterrichtet war, erklärte er am 2. August im Unterhaus, es handele sich bei den Vorgängen des 20. Juli lediglich um "Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches". Churchill ging es offenbar darum, die Deutschen zu brechen und nicht zuzugeben, daß sie selber versucht haben, sich zu befreien. Er hatte ja schon am 3. September 1939, dem Tag der Kriegserklärung, gesagt: "Dies ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands."

Der Punkt 1: "Erst als der Krieg verloren war..." ist also falsch. Ebenso wie der zweite Punkt, die Sache mit dem reaktionären Grafen-Club.

Gewiß, Kopf und Herz des zivilen Widerstandes waren Helmut Graf Moltke und Peter Graf Yorck; neben diesen beiden gab es zwar noch eine Reihe anderer, wichtiger Persönlichkeiten, die den gleichen Titel trugen, aber wenn man die Liste der nach dem 20. Juli Hingerichteten vor Augen hat, dann wird deutlich, daß wirklich alle Schichten im Kreisauer Kreis vertreten waren: hohe Beamte, Gewerkschaftler, Angehörige beider Kirchen, Diplomaten ...

Von den 200 nach dem 20. Juli Hingerichteten waren 19 Generale, 26 Obersten und Oberstleutnants, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre sowie der Chef der Reichskriminalpolizei, mehrere Oberpräsidenten, Polizei- und Regierungspräsidenten.

Kopf und Herz des militärischen Widerstandes war neben Stauffenberg Henning von Tresckow. Er hat das Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte zu einem Zentrum des Widerstandes gemacht. Schon früh war er ein überzeugter Gegner Hitlers: Glühend vor Zorn, verzweifelt über die entschlußlosen Generale, unermüdlich und beharrlich am Attentat planend, das immer wieder durch widrige Zufälle vereitelt wurde.

Wie viele Opfer haben sie gebracht und wie wenig dabei geklagt - wie wenig Opfer bringen wir, aber wieviel wird gejammert.