Aber dann hatte sich der englische Premier Neville Chamberlain plötzlich entschlossen, mit Hitler zu sprechen. Im September 1938 kam er nach München und machte deutlich, daß die Engländer sich mit der Preisgabe des Sudetenlandes abfinden würden - ausgerechnet die Engländer, auf deren Härte die deutsche Opposition soviel Hoffnung gesetzt hatte.

Damit war dem Widerstand der Boden entzogen: Hitler erhielt auf friedlichem Wege das, was er sich durch kriegerisches Vorgehen gewaltsam hatte nehmen wollen; die Bevölkerung aber, die angesichts der drohenden Gefahr ein wenig zögerlich geworden war, konnte nun ihrer Begeisterung für den Führer wieder freien Lauf lassen.

Im Sommer 1939, vor der Polen-Krise, wurde ein neuer Versuch unternommen. Graf Gerhard Schwerin, der im Generalstab des Heeres die Gruppe England/Amerika leitete, wurde nach London geschickt, mit dem Auftrag, den Engländern zu sagen: "Schickt ein Flottengeschwader nach Danzig... Treibt den Militärpakt mit der Sowjetunion voran. Das einzige, was Hitler von weiteren Abenteuern abhalten kann, ist ein drohender Zweifrontenkrieg." Schwerin erreichte nichts, und auch Goerdeler, der es nach ihm noch einmal versuchte, kehrte ohne Ergebnis zurück.

Drei Jahre später, im Juni 1942, brachte Adam Trott unter Lebensgefahr eine Denkschrift nach London, aber Anthony Eden, der Außenminister, erklärte, er werde diesen Leuten (die er für Landesverräter hielt) nicht antworten. In unglaublicher Naivität notierte er: Dies sei nicht möglich, "solange sie sich nicht decouvrieren und ein sichtbares Zeichen ihrer Absicht, bei der Entmachtung des Nazi-Regimes mitzuwirken, geben".

Obgleich Churchill über den wirklichen Tatbestand genau unterrichtet war, erklärte er am 2. August im Unterhaus, es handele sich bei den Vorgängen des 20. Juli lediglich um "Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches". Churchill ging es offenbar darum, die Deutschen zu brechen und nicht zuzugeben, daß sie selber versucht haben, sich zu befreien. Er hatte ja schon am 3. September 1939, dem Tag der Kriegserklärung, gesagt: "Dies ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands."

Der Punkt 1: "Erst als der Krieg verloren war..." ist also falsch. Ebenso wie der zweite Punkt, die Sache mit dem reaktionären Grafen-Club.

Gewiß, Kopf und Herz des zivilen Widerstandes waren Helmut Graf Moltke und Peter Graf Yorck; neben diesen beiden gab es zwar noch eine Reihe anderer, wichtiger Persönlichkeiten, die den gleichen Titel trugen, aber wenn man die Liste der nach dem 20. Juli Hingerichteten vor Augen hat, dann wird deutlich, daß wirklich alle Schichten im Kreisauer Kreis vertreten waren: hohe Beamte, Gewerkschaftler, Angehörige beider Kirchen, Diplomaten ...